(109) Dr. Wilczek setzte sich ins Auto und klappte seinen Aktenkoffer auf.

von Alain Fux

Dr. Wilczek setzte sich ins Auto und klappte seinen Aktenkoffer auf. Aus dem hintersten Fach nahm er eine Tüte mit rohen Möhren, die er am Vormittag selbst geschabt und mit Zitronensaft beträufelt hatte. Er nahm eine davon heraus und biss hinein. Beim Kauen dachte er an seinen Termin zurück. Gustav Ihle, der neue Mandant, für den er Pflichtverteidiger geworden war, wollte auch mit ihm nicht reden.

Wilczek hatte Einsicht in die Akten genommen. Der Sachverhalt schien klar und plausibel. Magda Ihle kränkelte schon jahrelang und die Spannungen zwischen ihr und ihrem Mann wurden immer größer. Mehrmals hatte Ihle seiner Frau vor den Augen der Putzhilfe, den Tod gewünscht und einmal sogar gesagt, dass er sie noch zur Strecke bringen werde. Daher auch das Misstrauen der Putzhilfe.

Nach Aussage des Rechtsmediziners und aufgrund der aufgefundenen Medikamente hatte Ihle schon seit zwei Wochen die blutdrucksenkenden Pillen seiner Frau gegen selbst hergestellte Placebos ausgetauscht. Er zählte darauf, dass sie früher oder später einen massiven Schlaganfall erleiden würde. Und da nur er ständig bei ihr war, brauchte er nur zu warten, dass sie daran starb. Und so kam es auch. Da die Putzhilfe schnell die Polizei rief, hatte Ihle versäumt die Beweise wegzuräumen und hatte sie zuerst nur schnell in der Hosentasche verstaut und vergessen. Die Silikonform, mit der er die Placebos erstellt hatte, wurde im Hobbyraum gefunden. Bei seiner Festnahme hatte er auch noch gesagt, dass seine Frau sein Leben ruiniert habe. Gegen Affekt sprach die längere Vorbereitungszeit der Tat. Ein Versehen war auch ausgeschlossen, weil Ihle eine ganze Menge Placebos produziert hatte und eines davon bei seiner Frau im Magen gefunden worden war. Es war nicht zu erwarten, dass Ihle auch im Falle einer Verurteilung mit einer hohen Strafe zu rechnen hätte, denn er war immerhin bereits 79 Jahre alt.

Am sinnvollsten wäre wahrscheinlich ein Geständnis, schneller Prozess, verständnisvoller Richter, Bewährungsstrafe und schnell wieder aus dem Gefängnis raus. Allerdings schien Ihle auch nicht jemand zu sein, der die neue Freiheit nutzen würde. Wilczek wollte am nächsten Tag noch einmal mit ihm sprechen.

Die Möhren waren alle. Er startete den Wagen und machte sich auf den Weg zu einem anderen Mandanten. Jan Stiller, ein Konzeptkünstler, hatte wieder einmal Schwierigkeiten mit der Exekutive. In einem Interview hatte er seine nächste Aktion angekündigt: eine Ausstellung mit Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg. Allerdings sollten die Blindgänger alle noch scharf sein. Prompt bekam er eine Anzeige wegen eines geplanten Verstoßes gegen das Waffengesetz sowie einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Wilczek hoffte, dass Stiller noch keine Exponate in seinem Atelier gelagert hatte.

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