(108) Kollege Nebel, würden Sie bitte bei Herrn Ihle in der Küche bleiben und darauf achten, was er macht.

von Alain Fux

„Kollege Nebel, würden Sie bitte bei Herrn Ihle in der Küche bleiben und darauf achten, was er macht. Er ist tatverdächtig.“ Polizeimeister Norbert Nebel hatte eine sehr schlechte Nacht gehabt. Zuerst hatte er sich mit seiner Freundin Patricia gestritten. Dann warf sie ihn aus der gemeinsamen Wohnung. Er hatte den Rest der Nacht bei seinem Bruder auf der Ausziehcouch verbracht.

Am ersten Einsatz des Tages ging es um den Tod einer Rentnerin. Die Putzhilfe hatte sie gefunden und vermutete ein Verbrechen. Sie hatte die Polizei gerufen und ausgesagt, dass der Ehemann dahinter stecken könnte. Die Spurensicherung war noch an der Arbeit. Mehr wusste Nebel nicht.

Gustav Ihle saß regungslos auf der Eckbank in der Küche. Er trug einen hellblauen Jogginganzug. Vor ihm stand eine leere Tasse. „Guten Tag Herr Ihle. Ich bin Polizeimeister Nebel und leiste Ihnen etwas Gesellschaft.“ Ihle schaute zwar nicht auf, aber Nebel hatte den Eindruck, dass er ihn aus den Augenwinkeln beobachtete. Er stellte sich neben die Küchentür. Nach einigen Minuten hob Ihle den Kopf und sagte mit weinerlicher Stimme: „Kann ich noch etwas Kaffee haben?“ Nebel ging schnell seine Optionen durch und entschied sich, hilfsbereit zu sein.

Die Kaffeekanne stand in der Maschine und war fast leer. „Die Filtertüten und der Kaffee sind im Schrank ganz links.“ Nebel füllte die Kaffeemaschine mit Wasser und legte den gebrauchten Filter auf die Arbeitsplatte. Als er aus der Blechdose Kaffee in die neue Papiertüte löffelte, bemerkte er, wie Ihle die Schublade des Küchentischs geöffnet hatte und darin etwas verstaute, das er aus der Hosentasche kramte. Nebel warf den Kaffeelöffel hin und sprang zum Tisch. Er hielt Ihles Hand fest und schaute, was er gerade in die Schublade gelegt hatte. Ihle saß verdattert da und wehrte sich nicht.

Nebel fand drei Packungen Medikamente sowie ein Plastiktütchen mit weißen Pillen. Er schrie nach den Kollegen von der Kripo. Ihle wurden Handschellen angelegt. Eine Leibesvisitation brachte nichts weiter zutage. Auf die Fragen, was das für Pillen seien, gab Ihle keine Antwort. Er sagte nur: „Sie hat mein Leben ruiniert.“ Dann schwieg er. Nebel und ein Kollege mussten Ihle zur Vernehmung ins Polizeipräsidium fahren. Als sie ihn abgeliefert hatten, war es Zeit für ihre Mittagspause.

Nebel ging nicht gleich in die Kantine, sondern stellte sich im Innenhof in eine Ecke und versuchte Patricia zu erreichen. Es klingelte, aber sie drückte seinen Anruf weg. Er würde eine neue Wohnung brauchen. Auf der Tageskarte stand Chili con Carne.

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