(107) Heute wollte er sie fragen.

von Alain Fux

Heute wollte er sie fragen. Norbert Nebel hatte seine Freundin Patricia Theilmann in den Vergnügungspark eingeladen. Um 22 Uhr, wenn es dunkel sein würde, wollte er mit ihr Riesenrad fahren. Wenn die Gondel ganz oben sein würde, wollte er sie fragen, ob sie ihn heiraten würde. Er fand, dass das ein guter Plan war. Bis dahin, würden sie noch über den Rummelplatz gehen und tun, wozu sie gerade Lust hatten.

Norbert war aufgeregt und, wie immer, redete er dann viel. Nach dem Hähnchenessen berichtete er ihr von seinem Streifeneinsatz im Swinger Club am Vortag. Es war seine aufregendste Begebenheit der letzten Tage. Patricia fand solche Themen abartig, aber Norbert dachte, sie müsste sich daran gewöhnen. Es gehörte zu seinem Beruf und mit wem sollte er darüber sprechen, wenn nicht mit ihr. Die Notwendigkeit, dass Polizeibeamte in der Ehe Rückhalt bekamen, hatte auch ein Polizeipsychologe in dem letzten monatlichen Rundschreiben erwähnt.

Norbert erzählte Patricia von der Einrichtung des Clubs, den auf dem Fußboden liegenden Matratzen, den anfangs nackten, nicht mehr allzu jungen Leuten, dem Weidenkorb mit den Kondomen und den Sexspielzeugen. „Diese perversen Schweine…“, murmelte Patricia und schnitt ihm das Wort ab: „Ich will hier rein!“

Sie standen vor dem Rotor. Norbert zahlte und dann stiegen sie in die Trommel. Sie stellten sich nebeneinander an die Innenwände, die Musik wurde lauter, die Trommel begann sich zu drehen, immer schneller. Dann sank der Boden ab und sie hingen an der Wand, fixiert durch die Zentrifugalkraft. Patricia bereute bald ihren Entschluss und schaute nach oben zur Trommel hinaus. Norbert mochte die Fahrt und drehte sich an der Wand einmal um die eigene Achse, so dass er mit dem Kopf nach unten stand. Patricia sah die Zuschauer, die immer verschwommener aussahen. Der Junge im roten Pullover war nur mehr ein ständig wiederkehrender Punkt, auf den sie sich konzentrierte.

Dann kam das in Bier gebadete Hähnchen zurück. Die Energie ihres Würgens war nur wenig stärker als die Zentrifugalkraft. Das Erbrochene verteilte sich auf Gesicht und Haare. Als Norbert seine persönliche Rotation vollzogen hatte und wieder zu Patricia hinübersah, musste er unwillkürlich lachen. Es war ein nervöser Reflex. Er konnte nichts tun, seine Arme waren an der Wand fixiert. Er konnte nichts sagen, weil Musik und Ansager zu laut waren. Weil er ihr mitteilen wollte, dass alles gut werden würde und er sie auch jetzt liebe, lächelte er.

Aus Patricias Sicht lachte er sie aus. Er, dem nichts etwas anhaben konnte und Kapriolen machte, hatte sie ausgelacht, als sie sich vor der Welt blamierte und mit vollgekotztem Kopf an der Wand hing. Die Trommel verlangsamte sich und Patricia rutschte nach unten auf die abwaschbare Plastikmatte des Bodens, der ihr entgegenkam. Tränen mischten sich mit der Kotze.

Als sie sich auf dem Klo halbwegs säuberte, stand er betroffen vor dem Container. Als sie herauskam, schrie sie ihn an und sagte ihm, er könne sich zum Teufel scheren. In Norberts Augen reflektierten sich die Strahlen der untergehenden Sonne in den Fenstern der Riesenradgondeln.

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