Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Juni, 2016

(133) Kurz nachdem der Krankenwagen Wendel abtransportiert hatte…

Kurz nachdem der Krankenwagen Wendel abtransportiert hatte, kam auch das Taxi, das Antoine bestellt hatte. „Ich möchte mitfahren, wenn es Ihnen nichts ausmacht“, sagte Antoine Frau Wendel. Sie zuckte mit den Schultern und er stieg ein. Als das Taxi losfuhr, bemerkte er, das er immer noch eine Serviette über dem Arm hängen hatte. Sorgfältig faltete er sie zusammen und hielt sie mit beiden Händen fest. Frau Wendel trug eine Sonnenbrille. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht einsortieren. Er selbst hatte ein schlechtes Gewissen. Es war nicht klar, ob das Unwohlsein von Herrn Wendel mit dem Essen des Restaurants zu tun hatte oder nicht. Manche Giftstoffe in Austern wirkten sehr schnell. Alle anderen Gäste des Abends würden die Szene leider unweigerlich mit dem Essen des Rudelsburg in Verbindung bringen. Es würde sich herumsprechen. Hätte Wendel es doch wenigstens bis auf die Toilette geschafft. Quer über den Tisch! Es war ekelhaft gewesen. Antoine tupfte sich mit der Serviette die Stirn ab.

Dann war das Taxi am Krankenhaus angekommen. Er lief um den Wagen und hielt Frau Wendel die Tür auf. Während er das Taxi zahlte, ging sie schon zur Rezeption. Als er dort ankam, stand sie schon vor dem Aufzug. Er stellte sich einfach dazu, wagte nicht, noch einmal zu fragen.

Dann saßen sie in einem Wartezimmer. Außer ihnen war dort nur noch ein Mann, der mit einer großen Lupe in einem Buch las. Frau Wendel beugte sich sofort über den Stapel mit den Zeitschriften, die auf einem niedrigen Tisch in der Mitte des Raums auslag. Nachdem sie den ganzen Stapel durchgeschaut hatte, nahm sie die erste Zeitschrift und setzte sich wieder. „Alles komplett veraltet. Keine einzige Zeitschrift die nicht schon mindestens einen Monat alt wäre. Und das soll erste Klasse sein!“, schimpfte sie.

Antoine wusste nicht, ob sie wegen des Schocks so reagierte oder weil es ihre Natur war. Er nahm sich ein beliebiges Magazin und klappte es auf. Es war eine Anglerzeitschrift, stellte er fest. Er blätterte ohne großes Interesse darin. Nur auf der Rezeptseite verhielt er kurz. Als er aber merkte, dass es um Hechtklößchen in Dillsauce ging, blätterte er angewidert weiter.

Immer wieder schaute er zu Frau Wendel, die ungerührt in ihrer Modezeitschrift las. „Wie geht es Ihnen?“, fragte er sie schließlich. Ihre Reaktion überraschte ihn. „Sie glauben, dass ich nicht angemessen reagiere, nicht wahr?“ Sie ließ die Zeitschrift sinken und legte sie dann zur Seite. Antoine wollte protestieren, aber sie sprach einfach weiter: „Ich bin darüber hinweg. Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen gerne den Grund dafür.“

(132) Wendel stieg aus und warf dem Valet den Schlüssel seines 997 zu.

Wendel stieg aus und warf dem Valet den Schlüssel seines 997 zu. Antoine hatte ihn schon gesehen und hielt ihm die Tür des Restaurants auf. „Willkommen im Restaurant Rudelsburg, Monsieur Wendel“. Wendel winkte kurz. Kati war schon hinter ihm, er ging hinein. Antoine eilte voraus und führte sie an ihren Tisch. Auf dem Weg dorthin musste Wendel noch ein paar Hände schütteln und Schultern klopfen. Innerlich hatten ihn die drei Stunden Freischütz ausgehöhlt vor Langeweile. Katis Meinung zu erfragen, konnte er sich sparen. Antoine brachte ungefragt eine Flasche Pinot Grigio, den Wendel kostete und für gut befand.

Auch als der Unternehmer bereits an seinem angestammten Platz saß, musste er noch hier und da mit Handzeichen zurück grüßen. Das ganze Restaurant schien gefüllt mit Leuten, die ihm einen Gefallen schuldeten oder er ihnen. Er schaute Kati von der Seite an, während sie trank. Sie war immer noch sauer auf ihn. Auf der Hinfahrt in die Oper hatte er sie gebeten, still zu sein, er müsse denken. Vorher hatte sie in einem fort belangloses Zeug geredet. Normalerweise konnte er das ausblenden und an den entscheidenden Stellen ein Wort oder ein Brummen einwerfen. Aber vorhin war er einfach zu tief in Gedanken gewesen. Es musste einen Weg geben, diesen Mende in den Griff zu bekommen. Sein Verhalten artete in eine wahre Vendetta aus. Gute Freunde hatten ihm gesagt, dass Mende anders sei. Nicht käuflich.

Antoine kam an den Tisch und betete mit vielen Ausschmückungen das Menü herunter. Wendel wollte Austern und dann ein Filetsteak, dem man die heiße Pfanne nur einmal gezeigt hatte. Kati bestellte irgendetwas, das ihre Figur und damit ihr Auskommen nicht gefährdete. Antoine brachte die Austern. Es waren britische Colchester, Wendel war ganz angetan. Wie immer hatte Antoine noch eine siebte Auster gratis hinzugetan. Das freute Wendel jedes Mal. Er öffnete die Austern immer selbst, denn er war kein Managerfuzzi, sondern hatte sein Vermögen vor allem mit den Händen erwirtschaftet. Bei der siebten Auster rutschte ihm das Messer ab und er verletzte sich leicht an der scharfen Kante. Dann kam das Steak, dazu ein feiner Bordeaux. Das Fleisch war exzellent, nur Wendels Lippen fingen an zu brennen. Ein paar Bissen später war es, als ob sein Gesicht brannte und er bekam keine Luft. Er geriet in Panik. Seine Stimme versagte und er übergab sich quer über den Tisch.

(131) Karlludwig Wendel öffnete selbst die Tür, um Laurenz Pfaff hereinzulassen.

Karlludwig Wendel öffnete selbst die Tür, um Laurenz Pfaff hereinzulassen. Pfaff hatte vorhin sehr aufgeregt geklungen. Da er am Telefon nicht reden wollte, hatte Wendel ihn zu sich bestellt. „Sie wollten weg? Sorry, dass ich störe!“ Wendel winkte ab „Oper. Freischütz.“ Er geleitete Pfaff durch die Schiebetür auf die hintere Terrasse. Auf dem Weg dorthin winkte Pfaff Kati Wendel zu, die im schwarzen Abendkleid mit langen weißen Handschuhen die Treppe herunterkam.

Wendel zog die Tür zu, als sie draußen waren. „Worum geht es?“ Pfaff erzählte, dass er von einem Informanten beim Zoll gehört habe, dass am nächsten Tag eine Razzia auf Wendels zurzeit größter Baustelle durchgeführt werden sollte. „Mende!“, entfuhr es Wendel. Er ballte eine Hand zur Faust und schlug damit in die Handfläche der anderen. Pfaff nickte. „Er lässt nicht locker.“ – „Wie weit sind die Arbeiten?“ – „Wir sind am Innenausbau im siebten Stockwerk. Es ist nicht klar, ob die Razzia am Montag oder am Dienstag durchgeführt wird.“ Wendel stand am Rande der Terrasse und hatte die Hände in seinen Hosentaschen begraben. Er schaute in die Ferne.

Pfaff erklärte, was er tun wollte. „Ich werde noch heute Abend alle unsere Gäste von der Baustelle abholen und in unser Ferienlager bringen.“ Das ‚Ferienlager‘ war ein Plattenbau, der einer Tochtergesellschaft der Wendel-Gruppe gehörte. Eigentlich war der Komplex abrissreif. Da ein Neubau an dieser Stelle aber keine Konjunktur hatte, wurde das Gebäude als inoffizielles Wohnheim für Arbeiter genutzt, die zwischen zwei Baustellen waren. „Es wird etwas eng, aber unsere Gäste werden uns deswegen keine Schwierigkeiten bereiten.“ – „Wie viel Zeit verlieren wir damit?“ – „Mit dem Transport wahrscheinlich drei bis vier Tage. Wir sind aktuell ganz gut im Plan. Ich schätze, dass wir die Fehlzeit durch Wochenendarbeit bereits in zwei Wochen wieder raus haben. Das Projekt ist nicht gefährdet.“

Wendel drehte sich zu ihm und hob erstaunt die Augenbrauen. „Ich dachte, wir würden schon in Sieben-Tage-Wochen arbeiten!?“ Pfaff schüttelte den Kopf. „Samstags eine halbe Schicht, Sonntags frei. Wegen der vielen Überstunden unter der Woche wollen die meisten nicht das ganze Wochenende durcharbeiten. Aber in dieser Situation werden sie mitziehen. Wäre ja sonst auch ein Einkommensverlust.“ – „Also gut, ich bin einverstanden.“

Wendel führte ihn ums Haus herum zu seinem Wagen und verabschiedete ihn. „Viel Spaß in der Oper“, sagte Pfaff zum Abschied. Wendel hob abwehrend die Hand und ließ sie wieder fallen. Pfaff fuhr weg.

(130) Kornel Mende stand kerzengerade vor dem Verkaufstresen.

Kornel Mende stand kerzengerade vor dem Verkaufstresen. Er trug einen makellosen schwarzen Anzug. Seine Stirn war tief gerunzelt. Jeder, der ihn kannte, musste wissen, dass er zum Äußersten angespannt war. Seine Schnurrbartenden zitterten leicht. Vor ihm lag eine seiner Hosen, natürlich auch diese schwarz. Gereinigt zwar, aber sehr unachtsam gebügelt. „Trambahnschienen“, hatte er trompetet und mit dem starr ausgestreckten Zeigefinger darauf gedeutet. Die Frau hinter der Theke hatte ihn verdattert angeschaut und war nach hinten gegangen.

Mende war kein Unmensch, sondern ein Beamter. Er erwartete eine zufriedenstellende Ausführung seiner Aufträge oder zumindest eine förmliche Entschuldigung, falls dies nicht möglich war. Schlamperei und Mangel an Professionalität waren ihm ein Graus.

Jetzt kam eine andere Frau nach vorne. Sie glich der ersten wie ein Ei dem anderen, fand er. Wieder zeigte er auf die verhunzte Bügelfalte und schaute sie grimmig an. Sie beschaute sich die Falte und sah verzweifelt zu ihm hoch. Sie murmelte etwas, worin er das Wort „Chef“ zu erkennen glaubte.

Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Mende war Beamter im Hauptzollamt und kümmerte sich um Schwarzarbeit auf dem Bau. Da er nicht an Außeneinsätzen teilnahm, war Schwarzarbeit für ihn ein eher abstraktes Konzept. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er in seinem täglichen Leben so unmittelbar damit konfrontiert sein könnte oder dass er quasi indirekt Schwarzarbeit finanzierte. Und doch musste es so sein. Es war eine Zumutung. Die beiden Frauen, die eingeschüchtert und ohne Deutschkenntnisse in dieser heißfeuchten Umgebung werkelten, waren ohne Zweifel Schwarzarbeiterinnen. Außerdem waren sie schlampig und nicht in der Lage, ihn als Kunden korrekt zu betreuen. Er konnte beide Ärgernisse natürlich auseinanderhalten, aber das zweite verschlimmerte das erste.

Mende musste handeln. Es war seine erste Bürgerpflicht. Er unterbrach die Frau, die immer noch bedauernd vor sich hin murmelte und hob den Finger: „Ich komme zurück!“ Er raffte die Hose als Beweismittel zusammen und legte sie sorgfältig zusammengefaltet in die mitgebrachte Plastiktüte. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und stapfte aus dem Laden.

Innerhalb einer Stunde war das Nest von Schwarzarbeiterinnen ausgehoben. Der Besitzer der Reinigung war noch nicht aufgetaucht, aber zwei bewaffnete Zöllner saßen im Laden und erwarteten ihn. Währenddessen suchte Mende in den Gelben Seiten, wo er in Zukunft seine Anzüge reinigen lassen konnte. Er nahm sich vor, künftig immer gleich die Sozialausweise der Mitarbeiter zu überprüfen.

(129) Jürgen Pelz stand auf der anderen Straßenseite und schaute zu seiner Reinigung hinüber.

Jürgen Pelz stand auf der anderen Straßenseite und schaute zu seiner Reinigung hinüber. ‚Textilpflege Siegbert Pelz‘ sagten die Leuchtbuchstaben an der Fassade. Genüsslich zog er an seiner Zigarette.

Es war damals eine schwere Entscheidung gewesen, die Schule zu verlassen, um den Laden nach dem Tod seines Vaters zu übernehmen. Er vermisste es, seine Schulfreunde nicht mehr zu sehen und mit ihnen Witze auszutauschen. Seine Mutter hatte ihn zwar nicht beeinflusst in seiner Entscheidung, aber er fühlte, dass er damit das richtige tat. Außerdem war er nicht zum Studieren gemacht – er war mehr der Mann fürs Praktische. Anfangs hatte er sich erst zurechtfinden müssen. Wenn er den Laden am Abend zuschloss, war er ausgelaugt vom Reden mit der Kundschaft und hatte Rückenschmerzen wegen der schweren Wäschekörbe.

Allmählich fand er heraus, dass das Geschäft nicht besonders gut lief. Würde er sich selbst ein angemessenes Gehalt zahlen, wäre der Laden ein reines Verlustgeschäft. Der Wettbewerb durch die Reinigungsketten war intensiv und es gab wenige Möglichkeiten für ihn, seine Umsätze zu steigern. Zwei Umstände hatten ihm dann geholfen: Zum einen starb seine Mutter. Dadurch konnte er ihre Wohnung übernehmen und sparte Miete. Außerdem fiel natürlich ihr Unterhalt weg. Es gab ihm auch die Möglichkeit, selbst eine Familie zu gründen, falls er denn mal eine Frau kennen lernen würde.

Zum anderen kündigte die einzige feste Mitarbeiterin, die er hatte. Sie war noch von seinem Vater eingestellt worden und verdiente ein Heidengeld. Jürgen hatte sich nicht getraut, mit ihr über eine Reduzierung zu sprechen. Sie zog in eine andere Stadt, zu ihrem Sohn und dessen Frau. Damit war Jürgen ein weiteres Problem los. Allerdings brauchte er schnell Ersatz für sie.

Er hängte im Supermarkt des Viertels eine Anzeige ans Schwarze Brett. Die nächsten Tage musste er sich einer Unzahl von Hausfrauen erwehren, die alle viel verdienen wollten, ihm aber gleichzeitig in großem Detail schilderten, dass sie nur zu ganz bestimmten Uhrzeiten zur Verfügung stünden und auf keinen Fall in der Lage waren, Überstunden zu leisten. Zwei Frauen blieben zurück, die beide kaum Deutsch sprachen, keine Arbeitspapiere hatten und beide Maria hießen. Beide waren zu unbezahlten Überstunden bereit, hatten saubere Hände und wollten in Summe weniger verdienen, als die Mitarbeiterin, die gekündigt hatte.

Jürgen stellte beide ein. Er nannte sie Maria1 und Maria2, weil er sich ihre Nachnamen nicht merken konnte. Dieses Arrangement lief nun seit drei Monaten und Jürgen hatte endlich das Gefühl, als Unternehmer voran zu kommen.

(128) Nachdem Schmelzer und die anderen beiden Patienten nach Hause gegangen waren…

Nachdem Schmelzer und die anderen beiden Patienten nach Hause gegangen waren, erledigte Stefanie noch die Papierarbeit, ordnete die Videoaufnahmen der Nacht und die Diagramme der aufgezeichneten Daten. Die Tagesschicht würde in zwei Stunden anfangen und die Erhebungen bewerten.

Sie sperrte das Schlaflabor zu und fuhr mit dem Auto zu einem kleinen Café, das bereits so früh aufhatte. Dort aß sie ein Schinkenbrot und trank ein Bier. Wenn sie keine besonderen Erledigungen hatte, war das ihre Routine, seit sie vor drei Jahren nur noch Nachtschicht arbeitete. Danach fuhr sie nach Hause. Ihren Lebensrhythmus hatte sie so eingestellt, dass sie alle privaten Kontakte auf den Abend konzentrierte, bevor sie gegen 22 Uhr wieder zur Arbeit ging.

Als sie nach Hause kam, las sie ihre neuen Emails. Eines davon war von Susa, einer Schulfreundin von früher. Als Stefanie weggezogen war, hatten sie sich aus den Augen verloren. Durch das Internet hatten sie sich wiedergefunden und schrieben einander nun in unregelmäßigen Abständen. Susa war Stefanies Ohr in die alte Heimat. Ein Treffen war geplant, aber bisher nie umgesetzt worden. Susa konnte wegen der Kinder nicht weg und Stefanie wollte nicht zurück in die Gegend, in der sie aufgewachsen war.

Susa schrieb, dass ein gemeinsamer Schulkamerad, Jürgen Pelz, genannt Nerz, gestorben sei. Krebs der Bauchspeicheldrüse. Nachdem er die Diagnose hatte, ging es sehr schnell. Beerdigung am folgenden Montag. Susa bot an, Stefanies Namen ins Kondolenzbuch mit einzutragen. Stefanie hatte Nerz vor Augen. Bürstenhaarschnitt, etwas überheblich, etwas dicklich. Kam bei den ersten Anzeichen von Sommer mit übergroßen Shorts in die Schule. Sie hatte Nerz nie wirklich gemocht. Er stand für den Mief ihrer Kindheit. Er war auch nicht nett zu ihr gewesen. Er hatte sie und wahrscheinlich auch alle anderen mit Scherzfragen genervt, bei denen er triumphierend die Pointe heraustönte, wenn alle mit den Schultern gezuckt hatten. Nur einmal hatte sie ihn übertrumpft, ganz am Anfang, als er in ihre Klasse gekommen war. Sie hatte mit ihm gewettet, dass sie mit ihrer Zunge ihre Nasenspitze berühren konnte. Er hatte es selbst versucht, war gescheitert und war auf die Wette eingegangen. Natürlich hatte er verloren. Sie wusste nicht mehr, was der Einsatz gewesen war. Stefanie stand auf und ging zum Spiegel. Sie streckte ihre Zunge heraus und krümmte sie nach oben. Sie erreichte immer noch die Spitze ihrer Nase. Allerdings schien es ihr, als ob es die rissige, belegte Zunge einer alten Frau war, die sich aus ihrem Mund herausrollte.

(127) Wieviele Kabel kleben Sie denn noch an mich?

„Wieviele Kabel kleben Sie denn noch an mich?“ – „Das war’s schon, Herr Schmelzer. Es sind insgesamt 23 und alle sind wichtig für die Diagnose“, antwortete Stefanie Hahn. Dann lag er im Dunklen und versuchte das Kopfkissen in eine Form zu klopfen, auf der er einschlafen konnte.

Das Schlaflabor war ein weiterer Versuch, seine Schlafprobleme in den Griff zu bekommen. Es wurde immer schlimmer und an jedem Morgen fühlte er sich, als ob man ihn die ganze Nacht verprügelt hätte. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass er mit steigendem Alter schlechter mit ständig wechselnden Hotelzimmern auskam. Früher hatte er damit nie Probleme gehabt.

Sein Besuch im Schlaflabor war geheim. Laut Spillers Regeln durfte keiner Schlafstörungen haben, der nach den Regeln lebte. Schmelzer lebte nicht nach den Regeln. Viele einsame Nächte im Hotel hielt er nur mit Alkohol aus. Manchmal bestellte er sich eine Frau aufs Zimmer oder nutzte die Pornofilme im Pay TV-Angebot. Es kam vor, dass er Aufputschmittel nehmen musste, um die langen Tage durchzustehen.

Nein, Tobias Spiller wäre nicht mit ihm zufrieden gewesen. Andererseits kannte Schmelzer alle Schwächen der Belegschaft aus eigener Erfahrung. Niemand war besser im Aufstöbern von Regelverletzungen als Schmelzer. Er kannte alle Entschuldigungen, die lauen Begründungen und Schutzbehauptungen, die die Angestellten vorbrachten, wenn er ihnen auf die Schliche gekommen war. Er wusste Sätze zu deuten, die immer noch ein Schlupfloch ließen. Alle Notlügen, die Menschen sich in Zeiten der Schwäche zimmern – er kannte sie.

Sein Spürsinn war unbestechlich. Schlemmer hatte in den letzten zehn Jahren jedes Mal den Preis des besten Regelinspektors der Gruppe bekommen. Darauf war er stolz. Bei Kreis, zum Beispiel, hatte er sofort gemerkt, dass etwas zwischen ihm und der Kassiererin lief. Der Erstverdacht kam ihm, als er ihre ungewöhnlichen Blickkontakte erfasste. Es wurde zu einem handfesten Beweis, als Schmelzer die Anruflisten von Kreis‘ Diensthandy überprüfte. Den Privatdetektiv brauchte er dann nur noch, um ein paar Beweisfotos anzufertigen, die er Kreis in den nächsten Tagen in die Nase halten würde. Er war sehr effizient gewesen, kein teures Herumstochern und Ermitteln auf Teufel komm raus. Von Verdacht zu Beweis in zwei Schritten. Aber das konnte man nur, wenn man Schmelzers Rüstzeug hatte. Er war der Beste.

Mit diesen Gedanken entspannte er sich. Ein kurzes Zucken in den Beinen, dessen Impuls von den Sensoren aufgezeichnet wurde. Dann war er erst einmal eingeschlafen.

(126) Fünf Stunden hatte Schmelzer ihn in die Mangel genommen.

Fünf Stunden hatte Schmelzer ihn in die Mangel genommen. Seiner Frau hatte Kreis gesagt, dass er auf dem Feldbett in der Firma übernachten werde. So konnte er sich den kleinen Rest des Abends wenigstens mit einem außerplanmäßigen Besuch bei Felizia Schwarzmüller versüßen. „Er ging seine elend lange Liste durch. Jedes Mal dachte ich, jetzt wird er sagen ‚Und dann haben wir noch Ihr Verhältnis mit Fräulein Schwarzmüller!‘ „ – „Was hättest du dann gesagt?“ Felizia unterdrückte ihr Gähnen und streichelte ihm über den kahlen Kopf.“ – „Ich wäre aufgestanden und hätte gesagt: Es ist kein Verhältnis. Es ist schlicht Liebe!“ Sie zog ihn am Ohr und küsste ihn auf die Wange. „Ich weiß, ich müsste es wissen, aber jetzt erzähl doch mal, was es mit diesen Regeln auf sich hat.“ Spielerisch tadelte er ihr, dass sie die Regeln nicht gelesen hatte, denn das hätte sie tun müssen. Dann erzählte er ihr, wie die Baumarktkette Spiller entstanden war.

Tobias Spiller war ein Zimmermann. Am Anfang seines Lebens trank und rauchte er viel, und machte auch andere Dinge, die Gott nicht gefielen. Gott bestrafte ihn und ließ ihn vom Dach fallen. Aber er liebte ihn auch und so trug Spiller nur eine gebrochene Schulter davon. Er erkannte die Warnung und gelobte Besserung, wenn Gott ihn nicht im Stich lassen würde.

In der Zeit, in der er sich erholte, bekam Spiller eine Arbeitsstelle in einem Laden, der Zimmermannsbedarf verkaufte. Es gefiel ihm gut und er arbeitete dort weiter, auch nachdem seine Schulter wieder verheilt war. Weil er sehr hart arbeitete und sich moralisch geläutert hatte, wollte die Witwe, die den Laden nach dem Tod ihres Mannes übernommen hatte, dass er das Unternehmen weiterführen solle. Um es einfacher zu machen, heiratete sie ihn und verstarb kurz darauf.

Spiller war jetzt der Unternehmer, allerdings damals immer noch von einem kleinen Einzelladen. Er benannte den Laden um in ‚Spiller‘ und eröffnete viele weitere Filialen. Er wollte, dass alle seine Mitarbeiter genauso moralisch einwandfrei lebten wie er. Und weil er sehr viele neue Mitarbeiter einstellen musste, die schnell begreifen sollten, was er sich darunter vorstellte, schrieb er alle Regeln, 313 an der Zahl, in einem Buch zusammen. Auch Kreis hatte dieses Buch bekommen, als er bei Spiller angefangen hatte, vor sechzehn Jahren. Am Anfang hatte es seinem Leben Orientierung gegeben. Sogar Carmen hatte sich indirekt danach gerichtet. Er fühlte sich heimisch in der Spiller-Familie. Aber vor drei Jahren, während einer Budgetsaison, als sie ihn unter Druck setzten wie nie zuvor, hatte er den Glauben verloren. Er hörte auf, sich nach den Regeln zu richten, wenn keiner ihm dabei zusah. Irgendwann würde er soweit sein, auch in der Öffentlichkeit gegen die Regeln einzutreten. Allerdings wusste er nicht, wie lange das noch dauern würde. Er küsste Felizia und zog ihr das Nachthemd über den Kopf aus.

(125) Der Regelinspektor ließ sich von Bernd Kreis durch den gesamten Baumarkt führen.

Der Regelinspektor ließ sich von Bernd Kreis durch den gesamten Baumarkt führen. Bis hin zu den Lagern für Giftstoffe und zu den Personalumkleideräumen. Auch von außen drehten sie eine Runde.

Joachim Schmelzer stellte nur Fragen und Kreis musste antworten, erklären, entschuldigen. Schmelzer gab keine Hinweise, was er gerade dachte. Immer wieder notierte er sich etwas in einem kleinen grünen Notizbüchlein, aber Kreis konnte natürlich nicht erkennen, was er schrieb. Nachdem sie sechs Stunden ununterbrochen unterwegs waren (die Mittagspause diente einer Inspektion des Betriebsrestaurants) gingen sie in Kreis‘ Büro. Kreis fühlte sich, als käme er von einer Urwaldexpedition zurück.

„Wie sind Sie denn mit dem Ihnen anvertrauten Markt zufrieden?“, fragte der Inspektor und beobachtete Kreis ganz genau. Kreis wurde es heiß im Kopf. Er sagte, dass er insgesamt zufrieden sei, dass es aber ein paar Dinge gäbe, die man verbessern könne und alle gemeinsam daran arbeiteten. „Was sind das für ‚Dinge‘?“ Kreis führte drei-vier offensichtliche Probleme an, wie der Personalmangel, die Busanbindung etc. Bei der Busanbindung konnte er Erfolg vermelden – eine Haltestelle würde direkt neben dem Markt eingerichtet werden. Dafür hatte er gesorgt. Noch während er sprach, nahm Schmelzer sein grünes Büchlein heraus und klappte es auf.

„Sie kennen die Regeln der Spiller-Märkte?“ Kreis nickte und verschluckte sich dabei. Die Gruppe legte Wert darauf, saubere und moralisch einwandfreie Mitarbeiter zu beschäftigen. Deshalb bekam jeder neue Mitarbeiter bei der Einstellung ein kleines aber dickes Handbuch in die Hand gedrückt mit Handlungsempfehlungen, die weit ins Privatleben hineinreichten. Es war nicht vorgesehen, dass man sich nicht an diese Regeln hielt.

„Was mir zum Beispiel aufgefallen ist: In den Umkleidekabinen hängt das Poster der Nüchternen 3×3 nicht. Obwohl es gemäß der Rundschreiben aus dieser und der vergangenen Kalenderwoche dort hängen müsste. Können Sie sich noch an die Nüchternen 3×3 erinnern?“ – „Oh ja“, kam es Kreis aus dem Mund geschossen: „Was sind Beispiele von Symptomen für Alkohol: Redet laut, undeutlich oder zu viel. Nicht sauber gewaschen, gekleidet und gekämmt. Unsicher im Blick, der Geste und dem Auftritt.“ Der Inspektor nickte. „Sie wissen es, aber wo sind die Poster?“ – „Ein bedauerliches Versehen“, murmelte Kreis. „Und das ist erst die Spitze des Eisbergs“, setzte Schmelzer nach. „Wir werden jetzt alle Ihre Verfehlungen durchgehen. Ich hoffe, Sie haben heute nichts mehr vor.“

(124) Als Ethan aus der automatischen Tür des Baumarkts geschossen kam, schnitt er Carmen Kreis…

Als Ethan aus der automatischen Tür des Baumarkts geschossen kam, schnitt er Carmen Kreis, der Frau des Marktleiters, den Weg ab. Fast wäre sie gestürzt, konnte sich aber noch an einem herumstehenden Einkaufswagen festhalten. Doch auch hier war sie nicht sicher, denn der Wagen kam ins Rollen. Sie ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht auf ihren hochhackigen Pumps zu halten. Erst ein anderer Kunde, der aus dem Markt kam, konnte sie mit einem beherzten Griff stabilisieren. Sie bedankte sich. „Kein Problem“, sagte ihr Retter, „ich bin Holzfäller. Es ist schön, auch mal etwas am Umstürzen zu hindern.“

Als Frau Kreis schließlich in den Markt trat, sah sie wie ihr Mann mit baumelnden Beinen auf dem Förderband einer Kasse saß und mit der blutjungen Kassiererin redete. Sein Kopf war nah an ihrem, so als flüsterte er ihr etwas zu. Frau Kreis blieb vor der Kasse stehen und stampfte auf. Als er sie sah, sprang er vom Band und war verwirrt. „Sie könnte deine Tochter sein“, zischte sie. Die junge Frau sah sie mit großen Augen an. Kreis fing sich wieder und kam auf seine Frau zu. „Bitte komm mal mit“, sagte er zu ihr und fasste sie am Arm. Sie riss sich los, ging aber neben ihm mit in sein Büro.

Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, erklärte Kreis die Situation. Ein anderer Marktleiter aus der Region hatte ihn vorgewarnt, dass er Zu allem Überfluss am darauffolgenden Tag mit einer Inspektion rechnen müsse. Der Regelinspektor würde zurzeit unangekündigt in den Läden auftauchen und streng untersuchen, ob jede der vielen Regeln des Handelskonzerns eingehalten wurde. Kreis erklärte, er sei dabei, alles noch einmal zu überprüfen, aber ständig werde er mit irgendwelchen Nachfragen belästigt. „Das kommt, weil du nicht delegieren kannst!“, sagte Frau Kreis triumphierend. „Ich darf nicht“, stöhnte Kreis. „Laut dem Handbuch für Marktleiter muss ich mich um alle Besonderheiten kümmern, die an der Kasse vorkommen. Delegieren könnte ich nur, wenn es einen Klon von mir gäbe. Aber das ist bestimmt auch verboten.“

Ein Summer ertönte. Gleichzeitig leuchtete auf dem großen Steuerpult hinter seinem Schreibtisch eine rote Lampe auf. Er schaute hin „Kasse 31, schon wieder.“ – „Hast du das junge Flittchen auch eingestellt, weil es das Handbuch verlangt?“ – „Nein“, seufzte er, „es will kaum noch jemand für uns arbeiten. Ich muss nehmen, was ich kriegen kann. Ich bin noch am Durchdrehen. Schatz, ich muss jetzt zu dieser Kasse.“ Sie betätigte die Klinke und ließ die Tür von selbst aufgehen. Er ging hindurch, von ihrem Blick gefolgt.