(103) Als Daisy wieder in der Wohnung war und ihren Pelzmantel an der Garderobe aufhängte…

von Alain Fux

Als Daisy wieder in der Wohnung war und ihren Pelzmantel an der Garderobe aufhängte, hatte sich Bertram Wunderlich, ihr Ehemann, bereits wieder gesäubert und saß zeitungslesend auf dem Sofa. Sie ging ins Schlafzimmer und zog sich wieder an.

„Es war etwas kurz“, sagte er, als sie wieder ins Wohnzimmer kam. Er schaute sie vorwurfsvoll über den Rand seiner Brille an. „Zuerst passiert nichts und dann, als es gerade anfing, interessant zu werden, hörst du urplötzlich auf.“ – „Zuerst waren zu viele Leute da. Ich habe gewartet, bis es leerer wurde. Der Asoziale mit dem Kinderwagen ging gar nicht weg. Damit du nicht warten musst, habe ich trotzdem angefangen. Und dann fing der Balg mit Plärren an. Da hatte ich keine Lust mehr. Aber ich denke, du bist trotzdem auf deine Kosten gekommen.“ Sie nahm das Fernglas vom Wohnzimmertisch und stellte es in den Schrank zurück. „Willst du jetzt wieder darauf herumreiten? Wir haben doch schon so oft darüber gesprochen. Es ist nichts Schlimmes und ich finde es halt sehr aufregend.“

Als Daisy nichts sagte, ging er noch einmal die Punkte durch, die sie verbessern sollte. Es waren eigentlich immer die gleichen Punkte, aber Daisy konnte oder wollte es sich nicht merken. Sie sollte in einer Achse mit dem Fenster sitzen, nicht seitwärts, auch wenn es ihr auf der Bank sitzend natürlicher vorkam. Sie sollte die Beine erst auseinanderschlagen, wenn der Mantel geöffnet war. Sie sollte sich mehr Zeit lassen, zwischen dem Moment, an dem man ihre Brüste erkennen konnte und dem Moment, an dem sie den Mantel auch unten öffnete. Er hatte ihr schon einen kleinen Spickzettel geschrieben, mit einer detaillierten, sequenziellen Auflistung der Aktionen, die sie vollbringen sollte. Aber sie hielt sich nicht daran. Es war zum Verzweifeln.

„Ich komme mir dabei erniedrigt vor. Immerhin bin ich es, die wie eine billige Exhibitionistin im Park sitzt, während du dir hier im Warmen einen runterholst.“ – „Ich glaube, anders herum wäre es problematischer“, meinte er knapp. „Aber du nimmst keine Rücksicht auf mich. Du willst es so und ich habe mich danach zu richten.“ – „Aha. Aber ich würde ja gerne mal etwas tun, was dich anmacht. Aber da ist ja gar nichts. Du hast ja gar keine Phantasien.“

Sie blieb vor ihm stehen. „Bertram, das ist einfach falsch, was du sagst. Natürlich habe ich Phantasien. Ich hänge sie nur nicht an die große Glocke und fordere sie auch nicht ein. Aber es gibt sie.“ Bertram legte die Zeitung weg. „Na dann erzähl mal. Ich bin gespannt.“

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