(102) Ingo schob den Kinderwagen mit einer Hand, die andere hatte er in seine Jackentasche vergraben.

von Alain Fux

Ingo schob den Kinderwagen mit einer Hand, die andere hatte er in seine Jackentasche vergraben. Jakob war zwar aufgewacht, als er ihn aus der Wiege genommen hatte, aber bereits im Aufzug nach unten hatte er sich wieder beruhigt und schlief wieder. ‚Hat er auf jeden Fall von seinem Vater‘, dachte Ingo. Sonst wäre er für den Rest des Tages noch am Quäken.

Beim Spazierengehen entfernte Ingo sich nie allzu weit von der Wohnung, denn immer fehlte etwas und er musste noch mal zurück nach oben. Eigentlich war es langweilig mit dem Kind draußen herumzulaufen. Der Spazierweg, den er gewählt hatte, fing an ihn zu nerven. Oft, wenn er so daher kam, dachte er, dass es ein Fehler war, zu Hause zu bleiben. Es kam immer auf die Stimmung an. Mal so, mal so.

Am Ende des Rundgangs setzte sich Ingo immer noch einmal auf eine der Bänke am Spielplatz. Am Anfang hatte es ihm logisch erschienen, sich gerade hierhin zu setzen. Später, als es bereits eine Gewohnheit geworden war, sagte er sich, dass er genauso gut in einer Kneipe sitzen könnte, denn Jakob würde auch davon nichts mitbekommen. In den letzten Wochen hatte er es sich angewöhnt, an dem Kiosk vor dem Spielplatz eine Flasche Bier zu kaufen. Es war so eine Art Belohnung für ihn.

Die Frau im Kiosk kannte ihn bereits und er brauchte nicht einmal mehr zu sagen, was er wollte. Das fand er einerseits zwar praktisch, andererseits fühlte er sich dabei durchschaut und ertappt. Peinlich wäre es vor allem, wenn er mal mit Antje hierherkäme und die Frau ungefragt eine Flasche Bier hinstellen würde. Er würde dann von einem Missverständnis sprechen. Antje würde denken, dass er dort eine Flasche nach der anderen leerte, anstatt jedes Mal nur eine.

Mit dem Bier setzte er sich auf seine Stammbank, zwischen den Schaukeln und der Rutsche. Das Wetter war nicht so toll und deshalb war der Spielplatz fast leer. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite des Sandkastens saß eine Frau im Pelzmantel. Seltsamerweise trug sie eine Sonnenbrille, obwohl die Sonne wirklich nicht sehr stark schien. Jakob schlief friedlich. Perfekt. Ingo trank einen ersten Schluck, der ihm guttat im Mund, in der Kehle, in der Speiseröhre und im Magen. Als er wieder zu der Frau hinüberschaute, hatte er den Eindruck, dass sie ihren Pelzmantel oben etwas aufgeknöpft hatte. Darunter schimmerte nackte Haut durch. Ingo konnte nicht erkennen, ob sie zu ihm herschaute. Er wandte sich um. Es war sonst niemand auf dem Spielplatz. Er trank noch einen Schluck. Währenddessen beobachtete er wie die Frau auch unten die Mantelhälften lockerte. Eine blitzartige Erkenntnis durchfuhr ihn: unter ihrem Pelzmantel war die Frau vollständig nackt! Sie öffnete den Mantel nicht komplett, aber gewährte ihm Einblick auf ihren Busen, ihren Nabel und, als sie die Beine auseinander schlug, auf ihre behaarte Scham. Die Farbe ihrer Schamhaare entsprach der Farbe ihres Pelzmantels.

Während er sein Bier trank, beobachtete er sie und fragte sich, was die Frau mit ihrer Darbietung bezweckte. Dann fing Jakob an zu heulen. Die Frau klappte den Mantel zu, Ingo stopfte die Bierflasche in einen Mülleimer und zog mit dem Kinderwagen ab. Er hoffte, dass Antje schon seit mindestens fünfzehn Minuten zu Hause war.

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