(101) Sie drehten sich im Kreise.

von Alain Fux

Sie drehten sich im Kreise. Gelb, dann grün, dann orange, dann blau und wieder gelb. Immer im Kreise herum. Jakob folgte mit weit aufgerissenen Augen den kleinen Plüschfiguren an Fäden, wie sie sich im Klang der Spieluhr drehten und zu tanzen schienen. Er kreischte vergnügt, öffnete den Mund und ließ eine Ladung Speichel an seinem Kinn herunter tropfen. Dann spitzte er die Lippen und schaute noch einmal genauer auf den Hasen und das Huhn, die sich über ihm drehten. Mit einem Mal hörte die Musik auf und die Figuren blieben stehen.

Jakob gab einen Laut des Missvergnügens von sich, aber die Figuren bewegten sich nicht vom Fleck. Als ob sie sich mit der weißen Zimmerdecke vermischt hätten, hatten sie aufgehört, auf sich aufmerksam zu machen. Nachdem sich nichts mehr bewegte, fing Jakob enttäuscht an zu Brüllen. Sein Gesicht wurde rot. Die Figuren bewegten sich ein bisschen, aber nicht wie vorhin und auch nur, weil er mit Armen und Händen strampelte und die Wiege, in der er lag, zum Schwanken brachte.

Ingo Roth hob seinen Sohn aus der Wiege und nahm ihn auf den Arm. Er ging mit ihm auf und ab und beruhigte ihn. ‚Die Wohnung sieht sehr unordentlich aus‘, dachte er dabei. Soviel zu tun und er wusste nicht, wo er beginnen sollte. Es war auch nicht seine Idee gewesen, nach der Geburt des Kindes zu Hause zu bleiben. Aber Antje hatte es so arrangiert, wie es ihr passte. Jakob wurde etwas ruhiger und hörte auf zu strampeln. Die Spülmaschine konnte Ingo nicht einräumen, weil der Salzstand zu niedrig war und kein Salz mehr im Haus war. Beim Einkaufen vergessen. So etwas kam vor. Ja, die Steuererklärung hatte er sich vorgenommen, aber es fehlten noch Belege. Morgen würde er sich darum kümmern, dass sie zugesandt wurden. Es war halt einfach so viel zu tun.

Jakob war eingeschlafen. Ingo legte ihn zurück in die Wiege. Er schaute auf die Uhr. Wenn er jetzt eine Runde um den Block drehte und dann noch etwas am Spielplatz abhing, würde er später als Antje wieder zuhause sein. Mit ziemlicher Gewissheit würde sie bis dahin die Wohnung aufgeräumt haben. Jakob musste halt noch einmal raus. Und während er das Kind wieder auspacken würde, hätte Antje schon mit den Essensvorbereitungen begonnen.

„Komm Jakob, wir gehen nochmal um den Block“, sagte er in Jakobs Richtung und legte die Kleidungsstücke zurecht, die er dem Kind nun anziehen wollte.

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