(99) Es lagen viele umgestürzte Bäume quer über der Straße.

von Alain Fux

Es lagen viele umgestürzte Bäume quer über der Straße. Gobbo musste sehr konzentriert sein Motorrad durch den Irrgarten lenken. Oft konnte er nur im Schritttempo fahren und half mit den Füßen, sein Gleichgewicht auf der schweren Maschine zu halten. Manchmal musste er absteigen und sein Gefährt mit der Hand durch das Dickicht am Waldrand schieben.

Obwohl der Sturm an Stärke bereits nachgelassen hatte, fielen immer noch krachend Bäume um. Er musste auf der Hut sein. Es war, als ob der Wald kein Ende nahm. Das Ausmaß der Zerstörung durch den Sturm war gewaltig. An manchen Stellen hatte der Orkan kilometerweite Schneisen durch den Wald gefressen. Die beste Möglichkeit voranzukommen war trotzdem immer noch die enge, gewundene Straße. Wenn es Abschnitte gab, die relativ offen waren, keimte bei Gobbo die Hoffnung auf, irgendwann ans Ende der Zerstörung zu gelangen und einen Neuanfang zu wagen. Doch dann wurde es schnell wieder unübersichtlich.

Zuerst waren es nur kleine Risse gewesen, die er bei der Fahrt im Straßenbelag bemerkte. Risse, wie sie durch den Wechsel von Sommer und Winter entstanden. Dann wurden die Risse tiefer, entwickelten sich zu Furchen. Die meisten längsseits der Straße, manche aber auch quer. Er musste aufpassen, dass der Schlag beim Überfahren der Risse ihn nicht von der Maschine holte. Ein besonders tiefer Längsriss tat sich auf und begleitete ihn auf einem schier endlosen Abschnitt. Der Riss grub sich tiefer und tiefer in die Straße ein. Gobbo konnte nicht bis zum Boden sehen. Es war wie ein Canyon. Er hoffte noch, diesen Riss nicht überqueren zu müssen, als gerade dies eintrat. Ein dicker Baum versperrte die Seite, auf der er fuhr. Der Waldrand war völlig undurchdringlich. An einer Stelle berührten sich die Ränder des Risses noch und er entschied, dort eine Überquerung zu wagen.

Er suchte einen stabilen Halt für seine Stiefel, je ein Bein auf jeder Seite des Abgrunds. Das Motorrad hielt er zuerst am Lenker fest und dirigierte es langsam auf die Nahtstelle zu. Das Vorderrad erreichte die andere Seite. Gobbo konnte jetzt auch am Sitz voranschieben. Das Hinterrad war fast auf der Mitte der Spalte, als er ein schwappendes Geräusch aus der Tiefe des Risses hörte. Etwas weiter die Straße herunter lief bereits eine nachtschwarze Flüssigkeit aus der Spalte und ließ alles verschwinden, das es berührte.

Gobbo schaute nach unten und sah, dass das Schwarze auch bereits seine Stiefel erreicht hatte und sie verschwunden waren. Er ließ das Motorrad los, das in die Brühe fiel und weg war. Schon stand er bis zu den Hüften in der Flüssigkeit. Um ihn herum verschwand alles. Sogar der Himmel wurde schwarz und senkte sich wie ein Deckel auf ihn nieder.

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