(98) Es war eine enge dunkle Landstraße, die gewunden durch den Wald führte.

von Alain Fux

Es war eine enge dunkle Landstraße, die gewunden durch den Wald führte. Ronny folgte ihr, ohne zu wissen, wo sie ihn hinführte. Die Bäume, alles Fichten, standen eng aneinandergedrängt und schienen keinen Durchlass zu erlauben. Er drehte sich um und es war ihm, als ob der Weg, der hinter ihm lag, noch dunkler war als der vor ihm. Er ging weiter.

Als er um eine Kurve bog, sah er in der Ferne eine Lichtung. Nach und nach konnte er ausmachen, dass mitten in der Lichtung eine Kreuzung lag. Auf der rechten Seite stand ein kleines Haus, eher ein Schuppen aus verwittertem Holz, der baufällig aussah. Mitten auf der Kreuzung stand eine Frau. Sie schien auf ihn zu warten und hielt etwas in den Händen. Es war eine runde Metallschüssel und daraus fiel ein Lichtstrahl auf ihr Gesicht. Als er noch näherkam, sah er, dass es seine Mutter war, die ihn mit versteinertem Gesicht erwartete. Mit beiden Händen hielt sie ihm die Schüssel von unten, wie eine Opfergabe, entgegen. Als er vor ihr stand, senkte er den Kopf und schaute in die Schüssel. Sie war leer. Nur ein paar zerbröselte Laubblätter lagen unten drin.

Ronny schaute fragend seine Mutter an.

Aber jetzt war es nicht mehr seine Mutter, sondern Emmy, die Fotografin. Er hatte vorher noch nie bemerkt, dass sie wie eine junge Ausgabe seiner Mutter aussah. Sogar ihre Frisur, ein abgerundeter Bob mit seitlich getragenem Pony, war sehr ähnlich. Emmy schaute in die Schüssel und er folgte ihrem Blick. In der Schüssel waren jetzt zwei smaragdgrüne Schlangen, die ihn fordernd ansahen. Ronny wich erschrocken zurück. Dann waren die Schlangen weg, auch die Schüssel und auch Emmy. Sogar das Haus war verschwunden.

Er drehte sich einmal um die eigene Achse und schaute die vier Straßen an. Sie sahen alle gleich aus und führten in einen Wald, der ohne Ende zu sein schien. Während er überlegte, was er als nächstes tun sollte, hob sich der Wind. Zuerst war es nur ein Säuseln in den Fichten. Mit immer stärker einsetzendem Rauschen wiegten sich die Bäume hin und her, immer heftiger. Der Himmel hatte sich verdunkelt. Es fing an zu regnen. Ronny traute sich nicht, unter den Bäumen Unterschlupf zu suchen. Die Regentropfen prasselten auf ihn und sprangen auf der Straße hoch. Der Sturm verstärkte sich immer weiter. Er hörte Knacken im Wald und sah dann, wie an einigen Fichten Risse wie helle Wunden aufklafften, bevor der Baumstamm brach und Holz splitterte. Immer mehr Bäume fielen um und einer davon fiel auf Ronny.

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