(97) Ronny Erdmann legte den Stapel mit den Fotos auf den Tisch.

von Alain Fux

Ronny Erdmann legte den Stapel mit den Fotos auf den Tisch. Oben drauf lag der Entwurf des Buchcovers: „Zurück zu den Basics – Grundlagen moderner Frisuren von Ronny“. Was Toni wohl gerade machte? Wahrscheinlich zog er mit irgendwelchen Kerlen durch die Clubs und erzählte ihnen von diesem Langweiler in der Provinz. Ronny stand auf und nahm die Flasche Wodka und ein Glas aus dem Schrank. Mit Toni hätten sie Wodka Orange getrunken. Ohne Toni würde auch Wodka pur reichen. Er nahm das erste Foto vom Stapel. Big Hair mit verspielter Locke. Er trank einen Schluck und ergriff den weißen Marker. Sorgfältig zeichnete er mit Pfeilen auf, wohin die Lockenwickler gehörten und wie die Haarsträhne für die Locke aufgeteilt gehörte.

Das Buch war seine Fahrkarte aus der Provinz in die Metropole. Toni hatte Recht, auf die Dauer versauerte er bei den Omis, für die er mehr Beichtvater war als Haarkünstler. Verdammt, jetzt hatte er einen Wickler falsch eingezeichnet. Er nahm den nächsten Abzug des gleichen Motivs vom Stapel und ließ das verhunzte auf die Erde fallen. Er trank noch einmal aus dem Glas, bevor er den Stift wieder ansetzte. „Weißt Du wie viele Salons es da gibt? Ich wäre ein Niemand!“ Toni wollte nicht warten auf das Buch. Er hatte einen Heißhunger auf das Leben.

Oh nein. Diesmal zeigte ein Pfeil in die falsche Richtung. Nicht korrigierbar. Ronny zerkritzelte das Foto, bevor er es wegwarf und nahm den nächsten Abzug. Es war ein anderes Foto! Pagenkopf mit leichten Locken im Deckhaar. Er schaute den Stapel durch. Emmy, die Fotografin, hatte ihm von jedem Motiv nur zwei Abzüge geschickt. Wie ungünstig.

Er goss sich noch ein Glas ein und griff wieder zum Marker. Mit dem Buch hatte er bessere Chancen einen guten Salon zu übernehmen, ohne alles in bar zu bezahlen. Es wäre dann nicht ‚Ronny Wer?‘ sondern ‚Ah, Ronny!‘. Ob Toni dann noch verfügbar sein würde. Unwahrscheinlich. War jetzt der Marker leer? Als er die Blechhülse etwas schüttelte, löste sich ein großer Tropfen und fiel dem Model auf dem Foto genau auf die Nase.

Ronny heulte auf, zerknüllte den Abzug und warf ihn gemeinsam mit dem Marker in die Ecke. Er trank das Glas in einem Zug aus und schenkte sich nach.

Scheiß auf Toni! Warum sollte er auch in die Stadt gehen? Warum dieser hirnrissige Plan mit dem Buch? Wieso würde ihm das den Weg zu irgendetwas ebnen? Der Plan war schlecht, die Fotos provinziell und er selbst nicht mehr als ein Lockendreher vom Land. Niemand hatte auf ihn gewartet. Genauso gut könnte er auch mit dem Föhn in die Badewanne steigen. Nach und nach leerte er die Flasche weiter und irgendwann fielen ihm die Augen zu. Er legte sein Gesicht auf den Pagenkopf mit den leichten Locken im Deckhaar und schlief auf ihm ein.

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