(96) Fanny Urbach saß in dem Frisierstuhl unter einem Nylonumhang, der mit einem Leopardenmuster bedruckt war.

von Alain Fux

Fanny Urbach saß in dem Frisierstuhl unter einem Nylonumhang, der mit einem Leopardenmuster bedruckt war. Im Spiegel schaute sie Ronny an, der neben ihr stand. In einer Hand hielt er eine vergoldete Bürste und mit der anderen, der Hand mit dem goldenen Siegelring am kleinen Finger und der goldenen Rolex am Handgelenk, hob er eine Haarsträhne hoch. Seine Hände, stellte Frau Urbach wieder einmal fest, waren einerseits sehr muskulös, andererseits aber auch fast feminin zart. Ronny hatte definitiv die schönsten Männerhände, die sie jemals gesehen hatte.

„Sie haben wunderbares Haar, Frau Urbach. Sie sind eine der wenigen Frauen, bei denen ich eigentlich keine Pflegemittel brauche. So ein wunderschönes, gesundes, festes Haar. Einmal in der Woche Shampoo und Legen, und das war es schon.“ – „Danke, Ronny, Das freut mich. Aber Sie können bestimmt doch etwas Magisches mit meinen Haare tun.“ Sie zwinkerte ihm zu. Er zupfte an ihren Locken und beschaute im Spiegel, wie es wirkte. „Sie haben eine perfekte runde Kopfform“, erklärte er und beschrieb mit beiden Händen eine Kugelform um ihren Kopf herum. „Ganz interessant für Sie wäre zum Beispiel eine lockere Kurzhaarfrisur, vielleicht ein Bob – so – mit einer Stirnwelle – etwa so – und dann mit einem Außenschwung – so.“ Er deutete immer an, was er meinte und steckte dabei Haarklammern fest. Nachdem er wieder etwas länger nachdenklich geschaut hatte, entfernte er die Klammern wieder und sagte: „Wir sollten überlegen, dass Sie Ihre Haare etwas länger wachsen lassen. Vielleicht bis hierhin.“ Er zeigte mit der Hand auf ihre Schulter. „Dann würde ich ihnen ein paar Stufen hineinschneiden – so. Damit würden wir Ihr Gesicht optisch ausdrucksstärker gestalten.“

Frau Urbach hing an seinen Lippen. Mit seinen Ausführungen konnte sie sich die Veränderungen plastisch vorstellen. Vor allem aber genoss sie es seine flinken wuseligen Finger in ihren Haaren zu spüren. Es war keinesfalls sexuell, denn sie wusste, dass Ronnys Interesse an Frauen nur beruflich war. Aber er war ein Künstler, jemand der mit seinen Händen arbeitete und eine gewisse Sinnlichkeit ausstrahlte. Nicht so wie Ewald, der den ganzen Tag nur mit Akten und langweiligen Mandanten verbrachte. Sie war froh, dass sie einem saft- und kraftlosen Wochenende mit ihrem Mann entkommen war. Der Genuss der Schönheitsfarm war nur für sie, denn Ewald würde die Veränderungen nicht einmal bemerken. „Das hört sich fantastisch an, Ronny. Wenn ich bei Ihnen bin, fühle ich mich wie eine Göttin.“

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