(95) Nach kurzer Überlegung zog Lampe den Smoking bereits zuhause an.

von Alain Fux

Nach kurzer Überlegung zog Lampe den Smoking bereits zuhause an. So würde er nachher Zeit sparen. Urbach hatte ihn zu einem, wie er sagte, „kleinen Extra“ eingeladen, nur für sie beide. Ohne den Club mit seinen strengen Regeln. Urbachs Frau war an dem Wochenende in ein Wellnesshotel gefahren. Sie hatten also freie Bahn.

Urbach wohnte in einer Villa außerhalb der Stadt. Lampe hatte das Haus noch nie zuvor gesehen. Erst als er in die Einfahrt bog bemerkte er, dass das Haus eher einem Schloss ähnelte und mitten in einem weitläufigen Park lag. Als er den Wagen in der Auffahrt abstellte, kam Urbach bereits aus dem Haus. Auch er trug einen Smoking. „Hallo, Lampe. Schön, dass sie auch schon bereit sind. Dann können wir gleich loslegen. Sehr elegant, übrigens.“ – „Gucci“, antwortete Lampe. „Bei Ihnen Armani?“ – „Natürlich“, entgegnete Urbach. Lampe wusste immer noch nicht, worum es gehen sollte, er folgte aber Urbach, der um das Haus herum vorging.

Vor der hinteren Terrasse standen zwei Benzinrasenmäher. Jetzt verstand Lampe. Er jauchzte und Urbach lächelte erfreut. Lampe erinnerte sich irgendwann gesagt zu haben, dass er die Fokussierung des Clubs auf reine Sportaktivitäten limitierend fand und man das Angebot der Aktivitäten ausdehnen sollte. Natürlich war das nicht mit den Regeln des Clubs vereinbar.

Sie besprachen kurz die Vorgehensweise. Die Rasenflächen um das Haus herum waren ausgedehnt, sie würden sich nach Belieben austoben können. Zuerst stellten sie sich parallel zueinander auf und mähten die längste Rasenfläche. Dabei ging einer von ihnen nach hinten versetzt, so dass die Rasenreste durch den Auswurf des Rasenmähers auf den jeweils anderen geschleudert wurden. Am Wendepunkt wechselten sie die Aufstellung.

Bereits nach ein paar Runden waren ihre Smokings samt Hemden, Kummerbunden und Querbindern über und über mit einer grünen Matte bedeckt. Als sie schließlich mit dem Mähen fertig waren, duschten sie gemeinsam unter der Gartendusche hinter dem Gerätehaus, natürlich in ihren Smokinganzügen. Zweimal mussten sie das Gras aus der Duschwanne mit den Händen herausholen, weil der Abfluss verstopfte. Von ihren nassen Smokings bürsteten sie sich gegenseitig die letzten Grashalme ab. Die weißen Hemden hatten an der Vorderseite grüne Flecken und waren wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Lampe war glücklich. Es war so, wie er es sich geträumt hatte. Unter freiem Himmel, quasi in der Natur, war es ein ganz besonderes Vergnügen. Völlig anders als in einem muffigen Fitnessstudio. Er fühlte sich gelöst. Urbach ging es genauso wie ihm. In diesem Augenblick fühlten sie sich einander verbunden. Als sie später in ihren noch triefendnassen Smokings auf der Terrasse saßen und Bier trinkend den Sonnenuntergang genossen, war es das traumhafte Ende eines schönen Sommertags.

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