(93) Ein leiser Pfiff.

von Alain Fux

Ein leiser Pfiff. Ewald Urbach, Lampes Anwaltskollege war gerade in den Ankleideraum gekommen. „Canali“, erklärte Lampe. „Sieht schick aus. Letzter Schrei“, antwortete Urbach. „Ich freue mich auf das Spiel!“ An jedem Mittwochabend war das Fitness Studio für eine geschlossene Gesellschaft reserviert, einem privaten Club. Leute wie Lampe und Urbach, die heute Squash gegeneinander spielten. Oder auf dem Spinning Bike trainierten oder an den Kraftgeräten Gewichte stemmten.

Der Club wurde intern nur Suits genannt und offiziell gab es ihn gar nicht. Die meisten seiner Mitglieder waren Rechtsanwälte, Manager der C-Klasse und ähnliche Leistungsträger. Ihre gemeinsame Leidenschaft bestand darin, bei sportlichen Betätigungen Anzug, Hemd, Krawatte und rahmengenähte Cityschuhe zu tragen. Unterwäsche war ausdrücklich vorgeschrieben. Die Schuhe mussten abriebfeste Sohlen haben, um Striemen auf dem Bodenbelag zu vermeiden. Nach dem Sport wurde auch in der gleichen Montur geduscht. Die meisten zogen allerdings vor dem Duschen Schuhe und Socken aus.

Da alle Mitglieder mehr Geld verdienten, als sie sinnvollerweise ausgeben konnten, hatte es sich eingebürgert, dass die Anzüge zum Sporttreiben zumindest genauso schick und exklusiv sein sollten, wie die Straßenanzüge, in denen die Mitglieder ins Fitnessstudio kamen. Viele trugen Maßanzüge, manche ließen sich speziell für den Sport Anzüge schneidern, die zum Beispiel besonders gut zum Squashspielen geeignet waren. Verpönt waren Gore-Tex und Stretchmaterialien. Die großen Fenster des Studios wurden bereits am Nachmittag verhängt, damit niemand den Herren von außen bei ihren sportlichen Aktivitäten zuschauen konnte.

Für die Aufnahme im Club bedurfte es drei Bürgen, die bereits Mitglied waren. Ewald Urbach war der Hauptbürge für Lampe gewesen und fungierte als Sekretär des Clubs. Die beiden kannten sich seit ihrem Rechtsstudium. Die Mitglieder durften mit keinem anderen über den Club reden. Kameras und Mobiltelefone waren nicht gestattet. Frauen waren ebenfalls nicht erwünscht. Wer nicht mindestens zwei Mal pro Monat an den Vereinstrainings teilnahm, wurde automatisch ausgeschlossen. Zur Identifikation trugen die Mitglieder Schlüsselanhänger aus Silber, auf denen das Logo des Clubs eingraviert war, ein Windsorkrawattenknoten, sowie die laufende Nummer ihrer Mitgliedschaft. Lampe hatte die Nummer 157, Urbach die Nummer 71.

Lampe überprüfte den Sitz seiner Krawatte im Spiegel. Urbach stand im Nadelstreifenanzug (Armani) an der Tür und hielt ihm einen Squashschläger hin.

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