(92) Leah war ganz angetan von Tillmann Lampe.

von Alain Fux

Leah war ganz angetan von Tillmann Lampe. Seine Beschreibung an der Singlebörse im Internet hatte ihr gefallen. Sie hatten gechattet und Emails hin- und hergeschickt. Auch die beiden Telefonate waren ermutigend gewesen. Allerdings war es nicht ihr erstes Date und alle anderen davor hatten sich als Flops entpuppt.

Tillmann war Anwalt für Urheberrecht, war kulturell interessiert, konnte zuhören, hatte Tischmanieren und sah auch noch gut aus. Vom ersten Anblick, von der ersten Begrüßung an hatte Leah einen positiven Eindruck und war immer mehr von ihm und seiner ruhigen souveränen Art angetan. Tillmann redete kaum über seinen Job und fragte sie auch nicht aus. Ihr Gespräch drehte sich um gutes Essen; italienische Rotweine; Kinofilme; Bücher die sie vor kurzem gelesen hatten oder noch lesen wollten; Urlaubsziele, die sie bereits kannten und die sie noch bereisen wollten; Lieblingsfarbe, -schauspieler/in, -musikstil; Hobbys. Leah fragte sich, ob sie vielleicht gerade dabei war einen Mann kennen zu lernen, der zu ihr passte.

Nach und nach leerte sich das Restaurant, in dem sie sich getroffen hatten und sie wechselten hinüber zur Bar. Tillmann schien etwas befangen. „Ist irgendetwas? Du siehst nachdenklich aus“, fragte sie ihn. Er drehte den Barhocker halb zu ihr, stützte sich mit einem Ellbogen auf den Handlauf und schaute ihr in die Augen. „Ich will ganz ehrlich sein. Es ist nicht zum ersten Mal, dass ich ein Date wie dieses habe. Bisher hat es nie geklappt. Ich finde es unfair, wenn wir beide Zeit investieren, um uns besser kennen zu lernen. Denn es gibt etwas, das problematisch sein könnte.“

Leah hielt die Luft an. Es gab einen Haken, es hätte nicht anders sein können. Aber gut, besser jetzt denn später. Sie nickte langsam mit dem Kopf. Lampe erklärte ihr in gemessenen, aber klaren Worten, dass er ein Hobby, nein, ein Interesse habe, das nicht nach jedermanns Geschmack war. Er hatte ein Faible dafür, sich und seine Partnerin in angezogenem Zustand nass zu machen und dann, unter anderem, Sex zu haben. „Nass?“, fragte Leah. „Nass womit?“ Dabei war Lampe nicht festgelegt. Er zählte mögliche Flüssigkeiten auf: „Wasser, Milch, Bier, Wein, Urin,…“ Leah stand auf, nahm ihre Handtasche und wandte sich zum Gehen. Dann zögerte sie. „Wein?“, fragte sie. Er nickte. Sie nahm ihr noch fast volles Glas Rotwein und goss es ihm über den Kopf. Er schloss die Augen, als die Flüssigkeit unter seinem Hemdkragen durchfloss. „Es hätte ja sein können“, sagte er, als sie sich entfernte.

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