(91) Leah Bast legte den Zeitungsausschnitt neben das Telefon und wählte die Nummer ihrer Mutter.

von Alain Fux

Leah Bast legte den Zeitungsausschnitt neben das Telefon und wählte die Nummer ihrer Mutter. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht bei jedem Anruf ein paar Anekdoten berichten zu können. Damit wollte sie verhindern, dass ihre Mutter einerseits zu sehr über ihre Probleme sprach, andererseits zu viele Fragen über Leahs Probleme stellen konnte.

Leider war es diesmal nur eine kurze Meldung. Ein 92-jähriger Amerikaner namens Paul Cole entdeckte sich selbst auf dem Cover der Abbey Road-LP der Beatles. Er war 1969 als Tourist in London gewesen und durch Zufall auf das Foto geraten. Man konnte ihn schräg oben hinter John Lennons Kopf erkennen, direkt neben dem schwarzen Polizeiwagen. In der Meldung stand, dass Cole zwar ein paar Lieder der Beatles gehört habe, die Musik ihm aber nicht gefalle. Er bevorzuge klassische Musik.

Die Vorteile der Story waren für Leah: Ihre Mutter konnte die Beatles einordnen; mit etwas Glück würde sie sogar das Foto der vier Musiker vor dem geistigen Auge haben, wie sie die Straße überquerten. Nachteile der Geschichte waren: Sie fragte nach dem alten Mann, wie er denn lebe, ob er „einsam“ lebe, ob er Kinder habe usw. „Hier steht, dass seine Frau Organistin ist“, antwortete Leah, die sich vorwarf, nicht mehr Geschichten gesammelt zu haben.

Frau Bast redete ständig von ihrem Alltag, der sich kennzeichnete durch: Rücksichtslosigkeit anderer Menschen unter besonderer Berücksichtigung ihrer Nachbarin, die egoistisch nur ihren eigenen Interessen nachging; die allgemeine Einsamkeit in ihrem Leben; dass sie keine weiteren Kinder gehabt hatte; dass ihr Mann schon so früh verstorben war und sie seither ihr Leben ganz alleine meistern musste; dass alles teuer geworden war; dass ihre Beine immer schwächer wurden; warum Leah immer noch keine Familie gegründet hatte, mit der sie vielleicht öfters zu Besuch kommen würde, gerne auch mit Kindern.

Leah hörte sich alles stumm an und gab nur von Zeit zu Zeit bestärkende, bemitleidende oder andere Laute von sich, mit denen sie zeigte, dass sie weiterhin in der Leitung war. Irgendwann glitten ihre Gespräche immer in diese Schienen. Sie hatte schon überlegt, ein Buch von Witzen (‚Lachen bis der Arzt kommt‘) neben das Telefon zu legen und systematisch Witze einzuwerfen, um die Gespräche erträglicher zu machen. Leider war ihre Mutter aber nicht so sehr an Witzen interessiert, das Unterfangen daher zum Scheitern verurteilt.

Nach den Telefonaten mit ihrer Mutter war Leah immer fertig, brauchte erst eine Erholungspause, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Sie wollte auf keinen Fall so enden wie ihre Mutter, war aber wahrscheinlich auf dem besten Weg dahin.

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