(90) Als Gerhard Johns sich das Leben genommen hatte, hatte Frau Bast sich sehr betroffen gefühlt.

von Alain Fux

Als Gerhard Johns sich das Leben genommen hatte, hatte Frau Bast sich sehr betroffen gefühlt. Im Nachhinein glaubte sie, dass sie den Schuss sogar gehört hatte, dabei aber eher an Straßenlärm gedacht hatte. Es konnte aber auch ein Irrtum gewesen sein und sie hatte Frau Johns nichts davon erzählt.

Sie selbst war bereits seit über zehn Jahren Witwe (Herzinfarkt) und wusste, wie schwer das Alleinsein oft war. Ihre Tochter Leah war selbst viel beschäftigt und der Kontakt mit ihr nur sporadisch. Insgeheim hoffte Sonja Bast, dass sie in Gabi Johns eine Gefährtin finden würde und dass die beiden Damen öfters Dinge gemeinsam unternehmen würden.

Am Anfang schien Frau Johns dankbar für die Fürsorge zu sein. Dann brauchte sie etwas Abstand, um mit ihrer Trauerarbeit voran zu kommen. Dafür hatte Frau Bast Verständnis, denn sie hatte es selbst so erlebt.

Nach einiger Zeit musste es Frau Johns aber wieder besser gehen, denn sie war viel unterwegs. Frau Bast bemerkte dies, da sie unwillkürlich zuhören musste, wenn Frau Johns ihre Wohnungstür auf- und zuschloss. Ein paar Mal hatte Frau Bast einen Vorstoß gewagt, wenn sie wusste, dass Frau Johns gerade nach Hause gekommen war. Immerhin ein Zeitpunkt, an dem sie am wenigsten stören würde. Sie hatte Frau Johns zu einem Spaziergang oder zu einem Theaterbesuch eingeladen. Es wurde ihr aber rasch klar, dass Frau Johns nichts weiter von ihr wissen wollte. Ihr letzter Versuch war es gewesen, Frau Johns ein Stück Kuchen zu bringen. Am nächsten Tag stand der Kuchenteller abgespült vor der Wohnungstür, ohne dass Frau Johns geklingelt hätte. Fassungslos bemerkte Frau Bast später, dass Frau Johns das Stück Kuchen in den Müll geworfen hatte. Ganz deutlich hatte sie ihr Gebäck durch die transparente Tüte unten im Mülleimer gesehen. So als ob Frau Johns ihr damit ausrichten wollte, dass Frau Basts Freundschaft ihr nichts bedeutete.

Frau Bast hatte bestimmt über eine Minute vor dem geöffneten Mülleimer gestanden, während sie die Botschaft in sich aufnahm. Sie schwor sich, für ihre Nachbarin keinen Finger mehr zu rühren. Sie nahm zum Beispiel keine Pakete aus dem Versandhaus mehr für sie an. Und als ein Polizist kam, um wegen einer Einbruchsserie zu warnen, gab sie die Nachricht auch nicht an Frau Johns weiter. Das übernahm, sie hörte es am darauffolgenden Abend, als sie zufällig an ihrer Wohnungstür in das Treppenhaus horchte, die Nachbarin aus dem Erdgeschoss. Mit der wollte Frau Bast fortan auch nichts mehr zu tun haben, grüßte sie auch nicht mehr auf der Straße. Sie war es leid, immer von allen ausgenutzt zu werden und nichts im Gegenzug dafür zu erhalten.

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