(88) Sundermann zog die Klotür hinter sich zu und schloss die Augen.

von Alain Fux

Sundermann zog die Klotür hinter sich zu und schloss die Augen. In kurzen Zügen atmete er die Luft durch die Nasenlöcher ein und aus. Als er die Augen wieder öffnete, sah er einen Mann, der sich an die weißgekachelte Wand der Zelle lehnte und nach oben schaute. Auf dem heruntergeklappten Toilettendeckel saß eine Frau und hatte ihre Lippen um seine Eichel geschlossen. Mit den Händen bearbeitete sie Glied und Hodensack. Der Mann stöhnte.

Sundermann griff in seine Jackentasche und nahm sein Notizbuch heraus. Er notierte die Szene in ein paar Worten, die er später noch genauer katalogisieren würde. Dann klappte er den Deckel hoch, öffnete seinen Hosenschlitz, nahm seinen Schwanz heraus und urinierte in die Kloschlüssel. Seit er die Gabe des absoluten Geruchs hatte, war er in der Lage nicht nur Gerüche genau unterschieden zu können. Zusätzlich konnte er auch ganze Szenen visualisieren, ausgehend von dem Reiz, den seine Nase empfand. Es war wie ein Buch, das er aufklappte. Besonders Orte, an denen Körperflüssigkeiten ausgetauscht wurden, waren sehr ergiebig für ihn. Es war, als ob jede Zelle, die sich in Geruch auflöste, auch ein Teil der Persönlichkeit des Menschen aufbewahrte, dem die Zelle gehört hatte.

Wenn Sundermann in eine Toilette kam und es roch nach Fäkalien, konnte er bestimmen, ob der Geruch von einem Mann oder einer Frau stammte, wie alt, in welcher Stimmung er oder sie war. Es war faszinierend. Sundermann hatte das Gefühl, eins mit der Welt und den anderen Menschen geworden zu sein.

Wenn er in ein Hotelzimmer kam, konnte er sich zuerst den Geschichten widmen, die sich in dem Hotelzimmer abgespielt hatten und die seine Vorbewohner erlebt hatten. Wenn er morgens beim Auschecken ein Zimmermädchen sah, konnte er mit eindeutiger Sicherheit sagen, wann sie zum letzten Mal sein Zimmer gereinigt hatte.

Einmal hatte er beim Eintreten in ein Zimmer einen mittelalten Mann vor sich gesehen, der sehr traurig war und viele Stunden mit einer Pistole in der Hand auf dem Bett gesessen hatte. Er hatte sie immer wieder in die Hand genommen, sie angesehen und dann wieder abgelegt.

Sundermann spürte, dass es ein potenzieller Selbstmörder war. Er fragte am Empfang nach dem Namen des Vorbewohners, bekam ihn nicht. Er ging noch einmal zurück, als der Nachtportier im Frühstücksraum beschäftigt war. Sundermann entnahm den Namen (Gerhard Johns) und die weiteren Koordinaten aus dem Meldebuch, ging wieder in sein Zimmer und rief an.

Nach mehrmaligem Läuten nahm eine Frau ab. Sie meldete sich als Gabi Johns. Sundermann fragte nach Gerhard Johns und sie sagte ihm, dass ihr Mann seit drei Stunden tot war. Sundermann legte auf, hob den Hörer aber noch einmal an, um daran zu riechen. Lungenkrebs, dachte er. Gemischt mit kaltem Zigarettenrauch.

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