(87) Als Patrick Sundermann bei seiner Rückkehr aus Indien die Tür zu seiner Wohnung aufschloss…

von Alain Fux

Als Patrick Sundermann bei seiner Rückkehr aus Indien die Tür zu seiner Wohnung aufschloss und hineinging, war ihm, als ob seine Nase ein eigenes Leben entwickelt hätte. Noch nie hatte er Gerüche derart intensiv wahrgenommen. Er stellte den Rollkoffer aus dem Weg und drückte die Wohnungstür hinter sich zu.

Er riss das Gepäcklabel ab und ging in die Küche. Als er den Abfalleimer öffnete, schlug ihm ein barbarischer Müllgestank entgegen, obwohl die Tonne leer war. Als er sich umsah, bemerkte er einen anderen, fauligen Geruch und ging ihm nach. Hinter dem Brotkasten fand er schließlich ein Stück Schimmel, das er als Käserest identifizierte. Auf dem Klo war es der intensive Gestank von Urinstein, der ihn störte. Im Schlafzimmer belästigte ihn der Schweißgeruch des einzigen T-Shirts, das im Wäschekorb lag. An der Bettwäsche bemerkte er einen käsigen Geruch.

Sundermann ging zurück in die Diele und öffnete den Koffer. Gleich schien es ihm, als ob die Duftkulisse seiner Indienreise ihn ansprang und seine Wohnung erfüllte. Es war ihm so, als ob sich das Schwarzweiß-Bild eines alten Films von einem Moment zum anderen mit Farbe füllte. Es waren Gewürzdüfte von Pfeffer und Kardamom, die er erschnüffelte. Schwere blumige Gerüche. Im gleichen Augenblick hatte er den Aschram in Dayalbagh wieder vor Augen und verneigte sich vor der Erinnerung, die Hände vor der Brust gefaltet.

Der Aufenthalt im Aschram hatte ihm wirklich die Sinne erweitert und er fühlte sich auf dem Weg zur Erleuchtung.

Die Meditation hatte wohl seinem Geruchssinn eine völlig neue Dimension eröffnet. Vielleicht hätte er länger im Aschram bleiben sollen, anstatt an dieser unnötigen Rundreise teilzunehmen. Möglicherweise hätten sich ihm auch weitere Sinne geöffnet und er wäre auf seiner Lebensreise weiter gekommen. Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern.

Sundermann stellte sich vor den Spiegel und schaute sich an. Seine Haut war für seine Verhältnisse sehr dunkel gebräunt. Ein langer, wenn auch spärlicher Bart bedeckte Mund und Kinn. Wenn er lächelte, schob sich das Barthaar auseinander und zeigte seine weißen Zähne. In den zwei Monaten waren auch seine Haare gewachsen und er fand, dass er etwas Messianisches an sich hatte. Vielleicht war der Geruchssinn seine persönliche Bestimmung. Er würde es herausfinden. Der erste Schritt war getan.

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