(85) Während er auf Leonora wartete, dachte Arnold zurück…

von Alain Fux

Während er auf Leonora wartete, dachte Arnold zurück an die Geschichte, die ihm eine Haushälterin vor fast zehn Jahren erzählt hatte. Damals war er mit Katharina in den Anden gewesen. Vielleicht auch am St. Lorenz-Strom. Egal. Leonoras Internat hatte für die Mädchen einen Kurs im Ballonmodellieren organisiert. Ein lokal sehr anerkannter Luftballonkünstler zeigte dabei, wie man aus einem Ballon Tiere, Pflanzen oder andere Gegenstände modellieren konnte. Dann durften es die Schülerinnen unter seiner Anleitung selbst versuchen.

Es begann mit einem Hund, der aus einem einzigen Ballon geformt wurde. Leonora, so erzählte es die Haushälterin, war sehr begabt darin, sowohl praktisch als auch künstlerisch. Unter Mithilfe des Künstlers schuf sie aus sechs Ballons einen Jesus am Kreuz. Der Lendenschurz bestand aus einem Taschentuch. Erst mit dieser Geschichte war Arnold bewusst geworden, dass Leonora ein sehr religiöses Mädchen geworden war. Er wunderte sich, da es dafür in der Familie kein Beispiel gab.

Und jetzt wartete er auf sie, um ihr auszureden, in ein Kloster einzutreten. Sie hatte es ihren Eltern in einem Brief angekündigt und um ihren Segen gebeten. Katharina war tagelang stinkig zu Arnold gewesen. Er habe sich nicht genug um das Mädchen gekümmert und jetzt habe sie sich einen solchen Schwachsinn in den Kopf gesetzt. Da Leonora aber mittlerweile 18 war, konnte man ihr die Entscheidung nicht verbieten.

Arnold hatte allerdings klare Anweisungen von Katharina erhalten, dass das Kind auf keinen Fall ins Kloster gehen dürfte. Es war die Art von Anweisungen, derer er sich nicht widersetzen sollte. Als Leonora kam, platzierte sie sich auf einen Sessel ihm gegenüber und schaute ihn aufmerksam an. Sie war erwachsen geworden. „Deine Mutter möchte nicht, dass du ins Kloster gehst“, fing er an und nahm nicht an, dass er überzeugend wirkte. Leonora erklärte ihm ihre Gründe, die er aber gleich wieder vergaß, denn sie waren erwartungsgemäß.

Schließlich machte er ihr den Vorschlag, den Katharina ihm eingegeben hatte. Leonora sollte für ein Jahr auf Weltreise gehen, um die Welt nach Belieben zu erkunden. Danach könne sie tun, was immer sie wolle. Niemand würde ihr dann im Wege stehen. Katharina konnte sich nicht vorstellen, dass jemand die Welt bereisen konnte, ohne Lust auf mehr zu bekommen. Leonora zögerte. Er fügte hinzu: „Bitte akzeptiere es, du hast keine andere Chance. Und ich auch nicht.“

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