(83) Es war ein langweiliger Nachmittag in den Osterferien.

von Alain Fux

Es war ein langweiliger Nachmittag in den Osterferien. Arnold und Othmar spielten auf dem Fußboden in Arnolds Zimmer mit seinem Fischertechnik-Baukasten.

„Was willst du mal später werden?“, fragte Othmar. Er hatte eben erzählt, dass er Arzt werden wollte, wie sein Vater (45 Jahre, Chirurg, funktionierender Alkoholiker, alle zwei Jahre ein neuer Mercedes, im Sommer drei Wochen Urlaub in der Toskana, diverse sexuelle Abenteuer außerhalb der Ehe). Arnolds Vater war ein unzufriedener Lehrer (43 Jahre, Magengeschwür, ein gebrauchter Opel, Wanderurlaub in der Eifel, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um außereheliche Verhältnisse zu haben). Arnolds Vater haderte ständig damit, dass er vieles mit seinem Leben anfangen könnte, wenn er nur nicht so eingespannt wäre in der Schule.

„Ich will ein Ingenieur werden und große Dinge bauen“, antwortete Arnold. „Kraftwerke, Staudämme, Schiffskanäle.“ – „Wirst du dann hier wegziehen?“ – „Ich werde überall zu Hause sein. In Afrika, Asien, Amerika. Aber hier bleibe ich wohnen.“ – „Hier bei deinen Eltern?“ – „Ich werde mir im Garten ein eigenes Haus bauen. Mit viel Platz für meine Spielzeuge, denn die werden dann sehr groß sein. Weil ich sehr viel Geld verdienen werde. Und mittags gehe ich zu meiner Mutter essen.“ – „Ich weiß nicht, ob ich bei meinen Eltern wohnen bleibe. Sie streiten sich immer und ich kann schwer einschlafen. Ich träume dann sehr schlecht und wache immer wieder auf.“ – „Mein Vater wird wahrscheinlich bald sterben. Er sagt immer, dass es ein Wunder ist, wie er das alles durchsteht.“ – Was meint er damit?“ – „Ich weiß es auch nicht. Aber er klingt dabei wie ein Cowboy, auf den man geschossen hat, und der bald sterben muss. Wasser… Wasser…“ – „Und was sagt Deine Mutter?“ – „Ich glaube, sie wird froh sein. Sie sagt immer, dass dieses ständige Herumnörgeln ihr jeden Spaß raubt. Wenn er weg ist, wird es bestimmt besser.“ – „Ich glaube, mein Vater wird ewig leben. Wenn er abends noch eine Flasche Wein öffnet, sagt meine Mutter, er soll nicht so viel trinken. Und er antwortet dann, dass der Alkohol ihn konserviert. Ich habe meine Mutter gefragt, das heißt, es erhält ihn. Er wird ewig leben.“ – „Wahrscheinlich so wie das Skelett in der Schule. Immer wenn man Karten holen muss, steht es in der Vitrine und grinst einen an.“ – „Ich habe immer Angst davor und mag gar nicht Karten holen gehen.“ – „Pah, du bist ein Angsthase. Du willst Arzt werden und hast Angst vor einem Skelett?“

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