(82) Katharina Prager war bereits seit dem Mittagessen müde gewesen…

von Alain Fux

Katharina Prager war bereits seit dem Mittagessen müde gewesen, wollte aber nicht in die Kabine gehen, um sich auszuruhen. An Deck war es ihr zu windig und so war Arnold mit ihr in die Caffetteria Gli Archi gegangen. Nachdem sie ihren Tee ausgetrunken hatte, positionierte Katharina ihre Handtasche auf dem Tisch, legte ihren Kopf darauf und schlief ein. Ihr Benehmen war Arnold, ihrem Mann, etwas peinlich, aber die Art von Passagieren, die auf dieser Mittelmeerkreuzfahrt unterwegs waren, störte sich nicht daran.

Arnold schaute aus dem Panoramafenster auf das Meer, das er hinter der Promenade durch die Reling schimmern sah. Eine junge Frau kam vorbei und stellte sich an die Reling, schaute auch auf das Meer. Sie trug ein dünnes, weißes Kleid, das im Wind flatterte, so wie ihre langen, blonden Haare. Wenn sie ihren Kopf von einer Seite zur anderen wandte, musste sie den Kopf schütteln, um ihre Mähne zu ordnen. Mit geschlossenen Augen wandte sie ihr Gesicht in Richtung des Windes und schien den Augenblick zu genießen.

Arnold beobachtete sie und gestand sich ein, dass die junge Frau ihm sehr gefiel. Unter ihrem Kleid konnte er einen zauberhaften, schlanken Körper erahnen. Sie strahlte Gesundheit und Glück aus. Die junge Frau war wohl alleine unterwegs. Vielleicht wollte sie frei sein, um andere Menschen kennen zu lernen. Sie war bestimmt freizügig, genoss die sexuellen Freiheiten, die sich ihr boten und fragte nicht, was erlaubt war oder nicht. Arnold seufzte und schaute kurz zu Katharina, die ihre Hand unter der Handtasche hervorgezogen hatte.

Er schaute wieder aus dem Fenster. Wie schön müsste es sein, dieser jungen Frau die Beine zu streicheln. Wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er mit ihr hier unterwegs wäre, anstatt mit Katharina. Er stellte sich vor, wie er in seiner Koje lag und sie sich über in beugte, ihn küsste und mit einer Hand seinen Gürtel lockerte. Dann sprach sie mit ihm.

„Mögen Sie noch etwas?“ Arnold erschrak. Der Kellner stand neben ihm und räumte die leeren Tassen ab. Arnold schüttelte den Kopf. Leider war Katharina jetzt aufgewacht und schaute mit verkniffenen Augen hoch. Sie hatte etwas Sabber an den Mundwinkeln. Nach kurzem Nachdenken bestellte sie einen Cognac.

Als Arnold wieder zum Fenster hinausschaute, stand die junge Frau nicht mehr an der Reling. Später bemerkte er sie noch öfters. Auf dem Sitzplan für das Abendessen sah er, dass sie Gellenberg hieß. Prager würde sehr viel besser zu ihr stehen, dachte er.

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