(80) Die junge Frau erschien ihm besessen.

von Alain Fux

Die junge Frau erschien ihm besessen. Sie schrie, weinte, ihr Körper verkrampfte sich und ihre Hände spreizte sie in einer grotesken Art von sich. Pfarrer Schober wusste nicht, was er tun sollte. Auf eine solche Situation hatte ihn das Priesterseminar nicht vorbereitet. „Sie dürfen so nicht von Ihrem Vater reden! Wenn Sie ihn nicht ehren, werden Sie auch Gottvater nicht ehren können.“

Er stellte sich vor sie hin und versuchte, ihre absurd abgespreizten Arme auf die Sessellehnen zu drücken. Aber sie war stärker als er und er wollte sie auch nicht zu fest anfassen. Auf seinem Schreibtisch sah er das Seil, mit dem er später der Jugendgruppe Knoten beibringen wollte. Er nahm es und fesselte Viktoria Gellenberg an den Sessel (Doppelter Überhandknoten). Als sie sich nicht mehr bewegen konnte, erhob sie ihre Stimme zu einem gellenden Schreien. Der Pfarrer war verzweifelt, sah den Wimpel, der neben dem Seil gelegen hatte, und stopfte in ihr in den Mund. In dem Augenblick bemerkte Schober, dass seine Haushälterin mit entsetztem Blick in der Tür stand. Er wollte ihr erklären, was passiert war, aber als er auf sie zuging, warf sie die Tür zu und schloss sie von außen ab.

Später musste Schober dem Bischof zu erklären, dass Fräulein Schellenberg zu ihm gekommen war, um seinen Rat in Familiendingen einzuholen. Sie hatte Meinungsverschiedenheiten mit ihrem Vater. Bei der Darstellung verwendete sie sehr abfällige Ausdrücke. Das Gespräch kam immer wieder auf ihren Vater zurück und jedes Mal wurde sie aufgebrachter. Der Priester hatte versucht, sie zu beruhigen. Er hatte ihr zugeredet, dass es notwendig sei, Vater und Mutter zu lieben, so wie Jesus uns alle liebte. Er hatte auch das Vierte Gebot bemüht. Aber all das hatte nichts gebracht.

Schließlich sah er keine andere Möglichkeit, als sie durch Fesseln ruhig zu stellen. Wenn die Haushälterin nicht hereingekommen wäre, hätte es auch funktioniert und er hätte sie natürlich auch wieder losgebunden. Natürlich ohne ihr ein Leid zuzufügen. Der Bischof saß hinter seinem Schreibtisch und antwortete nicht. Mit einer Hand drehte er am Bischofsring an der anderen Hand. „Es tut mir leid“, fügte Schober hinzu, „ich bin unerfahren und ich habe Fehler gemacht. Ich möchte dazulernen.“

Am Ende sagte der Bischof zu ihm: „Sie sind noch zu unerfahren in Frauendingen. Ich kann Sie beruhigen: das ist eine der schwersten Prüfungen im Priesterberuf. Aber ich hätte da eine andere Position für sie.“

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