(79) Vielleicht kommt dein Vater noch, bevor du ins Bett musst.

von Alain Fux

„Vielleicht kommt dein Vater noch, bevor du ins Bett musst. Vielleicht dauert die Sitzung aber auch länger.“ Marieluise Schober streichelte ihrem Sohn Matthias über die Haare. Heute war sein siebter Geburtstag und er hatte sich auf ein Geschenk seines Vaters gefreut.

Karl Schober war vielbeschäftigt, um die Gemeinde, in der er Bürgermeister war, am Laufen zu halten. Ständig kamen die Leute zu ihm mit irgendwelchen Bitten. Er war für viele Menschen sehr wichtig. Manchmal wurde Matthias von seinen Schulkameraden deswegen aufgezogen, manchmal schlugen sie ihn, ohne einen bestimmten Grund zu haben.

Er war eine Enttäuschung für seinen Vater, der „keinen Politiker“ in ihm sah. Matthias wollte auch kein Politiker werden, denn sonst müsste er ständig mit allen möglichen Leuten reden, ihnen zuhören und bedeutungsschwer mit dem Kopf nicken oder ihn entschlossen schütteln. Matthias konnte sich nicht erinnern, an seinen Geburtstagen jemand anders als seine Mutter zu Hause erlebt zu haben. In der Schule hörte er immer wieder von Geburtstagspartys, bei denen, außer ihm, alle eingeladen waren. Er hätte gerne gewusst, was man machen musste, um eine Einladung zu verdienen. Er hatte es bisher nie herausgefunden. Am Frühstückstisch hatte sein Vater seiner Mutter etwas von einem ‚Geschenk‘ zugeraunt. Deswegen war Matthias optimistisch, dass sein Vater noch vorbeikommen würde. Alle paar Minuten stand er am Wohnzimmerfenster und schaute hinaus. Bei dem kleinsten Geräusch dachte er, der Moment sei gekommen.

Erst als er die Hoffnung schon aufgegeben hatte, hielt ein Auto vor der Tür. Den 53’er Opel Kapitän erkannte er sofort am Klang. Sein Vater! Als Matthias die Treppe herunterstürmte, stand der Vater schon im Flur. Mit seiner schwarzen Hornbrille und seinem dunkelbraunen Anzug sah er sehr streng aus. Aber er lächelte auch ein wenig. Er hielt Matthias eine weiße Pappschachtel hin. Matthias nahm die schon etwas eingedrückte Schachtel, bedankte sich und machte sie auf. Währenddessen war auch die Mutter in den Flur getreten und stand neben dem Vater.

In dem Karton fand Matthias etwas Glattes, Farbiges. Er zog es heraus und faltete es auseinander. Es sah aus wie ein aufblasbarer Strandballon und richtig, da war auch schon das Ventil zum Aufblasen. Matthias zog den Stopfen ab und setzte das Mundstück an die Lippen. Er blies recht schnell und nach einigen Zügen war der Ballon ganz prall. Er hörte, wie seine Mutter freudig fragte, ob sie am Wochenende ans Meer fahren würden. Sein Vater gab einen missmutigen Ton von sich und preschte aus dem Haus. Während der Motor angelassen wurde, stand der kleine Matthias mit dem Strandballon in der Hand da und schaute seine Mutter fragend an. Da er den Stopfen nicht richtig reingedrückt hatte, entwich Luft aus dem Ballon, der bald wieder schrumpelig war.

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