(78) Wie geht es Ihnen, Herr Moll?

von Alain Fux

„Wie geht es Ihnen, Herr Moll?“ Arved hob den Kopf. Ein Mann stand neben seinem Krankenhausbett. Es war Matthias Schober, der Gefängnisgeistliche, der ihn besuchte. „Darf ich mich einen Augenblick zu Ihnen setzen?“ Arved stöhnte uneinladend, Schober setzte sich trotzdem hin. Er schaute sich um. „Wollen Sie, dass ich den Raumtrenner aufstelle, damit wir etwas mehr Ruhe haben?“, fragte Schober. Arved stöhnte nochmals und sagte „Ist schon ok“.

Schober räusperte sich. „Ihre Brüder sind ja jetzt wieder weg…“, begann er. Arved drehte sich zur Seite und wandte Schober den Rücken zu. „Sie fühlen sich vielleicht alleine, oder? Kann ich mir vorstellen.“ Arved lag still. „Sie hatten ja wirklich Glück gehabt gestern. Fast hätten Sie sich so sehr im Laken verheddert, dass es Ihnen das Genick hätte brechen können.“ Schober lehnte sich etwas vor, um zu sehen, welche Reaktion Arved zeigte. „Es war doch ein Unfall, nicht wahr?“ Arveds Miene veränderte sich nicht. Schober lehnte sich wieder zurück.

„Obwohl alle so eng beieinander hocken, kann die Einsamkeit gerade hier schon erdrückend sein. Für viele ist es kaum auszuhalten.“ Er wippte mit den Füßen. „Sie haben immerhin Ihre Familie. Man sagt mir, dass bei den Molls der Zusammenhalt sehr stark ist. Eine richtige Familie. Das ist doch etwas.“ Seine Fußspitze fuhr dem herabhängenden Zipfel der Bettdecke nach. „Irgendwie sieht mir Ihr Fall wie eine Aufopferung aus. Aber ich weiß sehr wenig darüber. Ich kann mich täuschen.“

Schober stand auf und ging zu dem schießscharten-schmalen Fenster. Auf dem leeren Hof spiegelten sich die grauen, tiefhängenden Wolken in den Pfützen. „Ich bin noch nicht so lange hier. Es ist auch für mich nicht immer einfach.“ Er schaute zu Arved hinüber. „Sie sind nicht so geschwätzig, habe ich den Eindruck. Nun, es ist auch ein Ort, an dem man viel für sich behält.“ Arved reagierte nicht. Schober bückte sich und schaute wieder zum Fenster hinaus. „Ich nehme an, für mich ist es einfacher, denn ich kann abends zumindest nach Hause gehen.“ Der Geistliche setzte sich wieder hin. „Sehen Sie das aber nicht zu positiv. Denn auch in seinen eigenen vier Wänden kann man ja durchaus auch ein Gefangener sein, nicht wahr.“ Er legte die Hände auf seine Knie. „Aber ich sehe, Sie sind mit Ihren eigenen Gedanken beschäftigt und ich möchte Sie nicht länger stören.“ Schober stand auf und wandte sich zum Gehen. „Wenn irgendetwas ist, fragen Sie nach mir. Matthias Schober, der Himmelskomiker, wie man mich hier nennt.“ Arved drehte sich zu ihm um und fragte: „Hat mein Bruder Sie zu mir geschickt?“

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