(77) Josef versuchte noch mehrere Male, Arved zu schlagen oder zu würgen.

von Alain Fux

Josef versuchte noch mehrere Male, Arved zu schlagen oder zu würgen. Dann wurden er, Justus und Wolfgang aus der Untersuchungshaft entlassen. Allerdings nicht, wie Josef hämisch vermutete, weil Arved den Überfall aus reiner Blödsinnigkeit gestanden hatte, sondern weil sich seine DNA-Spuren an der Maske fanden. „Vor Angst gesabbert, hat er“, höhnte Josef später.

So verblieb Arved alleine im Gefängnis. Zwar war er weiterhin in seinen Bewegungen und in der Organisation seines Tagesablaufs eingeschränkt, wie in Gefängnissen üblich. Dafür erfreute er sich aber einer ungewohnten Freiheit. Zum ersten Mal in seinem Leben kommandierten ihn seine Brüder nicht herum. Gleichzeitig genoss er den Respekt der anderen Insassen. Zwar war er nicht aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Josef, aber er war ein Mitglied der Moll-Familie und Blut galt in diesen Kreisen mehr als Wasser. Opportunismus blühte. Allerdings fühlte Arved sich einsam, da seine Brüder sonst fast seine einzigen Gesprächspartner waren. Seine Mitinsassen gingen zwar respektvoll mit ihm um, aber keiner wollte sich mit Arved einlassen, da seine Beziehung zu Josef bekannterweise recht schwierig war. Arved wurde mit der Zeit immer trauriger.

Zwei Tage nachdem auch sein Zellengenosse aus der Untersuchungshaft entlassen worden war, saß Arved im Gemeinschaftsraum und schaute fern. Es lief ein Filmquiz, bei dem zwischendurch immer Ausschnitte aus Filmen gezeigt wurden. Eine Frage lautete: „Wer war Cody Jarrett?“ Die Antwort, die Arved nicht wusste, war: „Ein kaltblütiger Gangster, in ‚Sprung in den Tod‘ von James Cagney gespielt. Sein einziger Bezugspunkt ist seine liebende Mutter.“ Es folgte ein Filmausschnitt, in dem James Cagney von der Polizei gestellt wurde. Er stand auf einem riesigen Gastank und ein Scharfschütze nahm ihn unter Beschuss. Cagney wurde getroffen, gab aber nicht auf. Schließlich feuerte er zwei Kugeln in den Tank. Hohe Gasflammen schossen heraus. Im Flammenschein schrie er: „Ich hab’s geschafft, Ma! Jetzt bin ich ganz oben!“. Dann explodierte der Tank in einem Feuerball.

Nach der Sendung war Einschluss. Arved ging in seine Zelle zurück. Als es in dem Gebäude ruhig wurde, band er mit einem Betttuch eine Schlinge um seinen Hals, verknotete es am Bettgestell, stieg auf das obere Bett, schrie „Ganz oben!“ und warf sich hinunter. Allerdings war das Bettlaken zu lang und er schlug mit der Schulter auf den Zellenboden auf. Arved brach sich das Schlüsselbein und schrie vor Schmerz, bis die Beamten ihn fanden und in die Krankenstation trugen.

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