(76) Josef Moll war als erster im Hof und wartete auf seine Brüder.

von Alain Fux

Josef Moll war als erster im Hof und wartete auf seine Brüder. Eine Stunde Hofgang am Tag war nicht viel, darum umso wertvoller. Als Wolfgang, Justus und Arved neben ihm standen und alle gemeinsam rauchten, stellte Josef noch einmal die Fragen, die ihn seit Anfang der Untersuchungshaft beschäftigten.

„Warum wurden wir gefasst? Warum gab es plötzlich Beweise? Warum stellt man uns Fragen nach Waffen?“ Keiner seiner Brüder antwortete. „Ich hatte heute Besuch von unserem Anwalt, der mir ein paar Antworten geben konnte. Irgendeiner von Euch Armleuchtern hat mit einer Waffe einen Raubüberfall auf eine Eisenwarenhandlung verübt. Die Beute waren 20 Riesen. Geld und Pistole wurden bei Mutter gefunden.“ Er beobachtete seine Brüder genau und fuhr fort. „Wer von Euch Hornochsen war das?“ Wolfgang und Justus schauten verstohlen zu Arved, der mit den Augen einem Riss in der Ziegelsteinmauer folgte. „Hast Du uns etwas zu sagen, Arved?“ – „Na ja, Josef, Du sagst immer, dass ich zu wenig Initiative zeige. Ich wollte mal etwas anderes versuchen…“ Josef warf seine halbgerauchte Zigarette weg und wollte Arved an die Gurgel fahren. Er wurde aber von Justus und Wolfgang davon abgehalten.

„Wie kommst Du auf diese schwachsinnige Idee? Wir machen nie etwas mit Schusswaffen“, keifte er. Arved zuckte mit den Schultern: „Ich wollte eben mal etwas Neues ausprobieren. Außerdem habe ich keine Lust, immer nachts zu arbeiten. Da bin ich nicht auf der Höhe. Raubüberfälle kann man auch tagsüber machen. Weißt du, das entspricht einfach mehr meinem Lebensrhythmus.“ Wolfgang warf ein: „Warum hast Du uns nichts von deinen Plänen erzählt?“ – „Es sollte eine Überraschung werden. Ich wollte nicht, dass Ihr denkt, ich sei unfähig. Ich wollte Euch zeigen, dass ich auch etwas in der Birne habe.“ Justus hielt weiter Josef fest, der seinen Bruder zu gerne gewürgt hätte. „Und warum versteckst du die Beute und die Waffe ausgerechnet bei Mutter?“ – „Weil ich ihr traue. Sie hat immer zu mir gehalten. Ihr hättet mich ausgelacht. So wie immer!“

Die Glocke klingelte, der Freigang war zu Ende. „Aber verrate mir noch eins, Arved. Warum in Gottes Namen musste es eine Eisenwarenhandlung sein? Wenn Du schon mit einer Knarre reingehst und eine lange Gefängnisstrafe riskierst, warum dann nicht irgendwo, wo es sich lohnt?“ – „Das habe ich mir überlegt, Josef. In einer Eisenwarenhandlung zahlt man nicht mit Kreditkarte. Alle benutzen Bargeld. Das war der Grund. Schlau nicht?“

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