(75) Hannelore Moll saß in einem Sessel neben dem Speiseraum des Altersheims.

von Alain Fux

Hannelore Moll saß in einem Sessel neben dem Speiseraum des Altersheims. Kriminaloberkommissar Stadler begrüßte sie freundlich und setzte sich neben sie. Er überreichte ihr eine Schachtel mit Konfekt. Es war nicht das erste Mal, dass er sie im Altersheim besuchte. Schon längere Zeit war er hinter ihren vier Söhnen her, die Serieneinbrüche verübten. Leider hatten sie bislang keine eindeutigen Spuren hinterlassen.

„Frau Moll, ich mache mir Sorgen um Ihre Söhne. Bisher ging es nur um Einbruch. Jetzt haben sie, alles schaut danach aus, einen bewaffneten Raubüberfall verübt.“ Frau Moll war hin- und hergerissen. Sie wollte die Details hören, aber ihre Söhne nicht belasten. Stadler erzählte ihr bereitwillig den Hergang der Tat und dass keiner verletzt worden war. Sie schien erleichtert. Er fuhr fort und sagte, dass damit die Karriere ihrer Söhne eine neue Dimension erreichte und es künftig auf beiden Seiten zu mehr Gewalt kommen würde. Es werde nicht mehr lange dauern und es würde jemand verletzt oder gar getötet werden. Sie schwieg. „Frau Moll, ich habe hier in der Tasche einen Durchsuchungsbefehl für Ihr Zimmer. Draußen sind vier Polizisten, die ich dazu hereinrufen kann. Sie können mir aber auch einfach geben, was Sie für Ihre Söhne aufbewahren und wir vermeiden jegliches Aufsehen.“ Stadler nickte lächelnd einer alten Dame zu, die, über ihren Rollator gebeugt, langsam an ihnen vorbei schlurfte und dabei versuchte, möglichst viele Gesprächsfetzen aufzufangen. Als sie vorbei war, meinte Frau Moll: „Was passiert mit meinen Jungen?“ Er erklärte ihr, dass vielleicht alle für einige Zeit ins Gefängnis kämen. Er gehe aber davon aus, dass die Tat nur von einem verübt worden war. Es würde aber auch die Entwicklung der Brüder zu weiteren Gewalttaten bremsen. Er zückte den Hausdurchsuchungsbefehl. Sie seufzte und bat ihn, ihr zu folgen. „Aber welcher es war, das werde ich Ihnen nicht verraten!“

In ihrem Zimmer zeigte sie auf einen Karton, der oben auf dem Schrank stand. Stadler zog seine Schuhe aus und stieg auf einen Stuhl, um ihn zu erreichen. Er nahm ihn herunter und klappte den Deckel zurück. Mit einem Kleiderbügel aus Holz stocherte er darin. Unter anderem enthielt die Kiste eine schwarze Schimaske, etwas Schweres, in ein Tuch gewickelt (der Form nach eine Pistole) sowie einen dicken Umschlag, in dem Stadler einen Bündel Geldscheine erkennen konnte. „Ist es das, was Sie wollten?“, fragte Frau Moll und sah ihn traurig an. Der Polizist nickte. „Ich habe eine Bitte. Würden Sie meinen Söhnen bitte nicht sagen, dass ich Ihnen die Kiste freiwillig gegeben habe? Ich hatte schon soviel Kummer mit den Kerlen. Nicht mal jetzt, in meinen letzten Tagen, lassen sie mich in Ruhe.“ Stadler versprach ihr, dass er nichts von ihrer Mitarbeit erwähnen würde. „Ich muss jetzt wieder an meinen Platz. Bald gibt es Essen. Sie finden bestimmt alleine wieder hinaus.“

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