Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Mai, 2016

(103) Als Daisy wieder in der Wohnung war und ihren Pelzmantel an der Garderobe aufhängte…

Als Daisy wieder in der Wohnung war und ihren Pelzmantel an der Garderobe aufhängte, hatte sich Bertram Wunderlich, ihr Ehemann, bereits wieder gesäubert und saß zeitungslesend auf dem Sofa. Sie ging ins Schlafzimmer und zog sich wieder an.

„Es war etwas kurz“, sagte er, als sie wieder ins Wohnzimmer kam. Er schaute sie vorwurfsvoll über den Rand seiner Brille an. „Zuerst passiert nichts und dann, als es gerade anfing, interessant zu werden, hörst du urplötzlich auf.“ – „Zuerst waren zu viele Leute da. Ich habe gewartet, bis es leerer wurde. Der Asoziale mit dem Kinderwagen ging gar nicht weg. Damit du nicht warten musst, habe ich trotzdem angefangen. Und dann fing der Balg mit Plärren an. Da hatte ich keine Lust mehr. Aber ich denke, du bist trotzdem auf deine Kosten gekommen.“ Sie nahm das Fernglas vom Wohnzimmertisch und stellte es in den Schrank zurück. „Willst du jetzt wieder darauf herumreiten? Wir haben doch schon so oft darüber gesprochen. Es ist nichts Schlimmes und ich finde es halt sehr aufregend.“

Als Daisy nichts sagte, ging er noch einmal die Punkte durch, die sie verbessern sollte. Es waren eigentlich immer die gleichen Punkte, aber Daisy konnte oder wollte es sich nicht merken. Sie sollte in einer Achse mit dem Fenster sitzen, nicht seitwärts, auch wenn es ihr auf der Bank sitzend natürlicher vorkam. Sie sollte die Beine erst auseinanderschlagen, wenn der Mantel geöffnet war. Sie sollte sich mehr Zeit lassen, zwischen dem Moment, an dem man ihre Brüste erkennen konnte und dem Moment, an dem sie den Mantel auch unten öffnete. Er hatte ihr schon einen kleinen Spickzettel geschrieben, mit einer detaillierten, sequenziellen Auflistung der Aktionen, die sie vollbringen sollte. Aber sie hielt sich nicht daran. Es war zum Verzweifeln.

„Ich komme mir dabei erniedrigt vor. Immerhin bin ich es, die wie eine billige Exhibitionistin im Park sitzt, während du dir hier im Warmen einen runterholst.“ – „Ich glaube, anders herum wäre es problematischer“, meinte er knapp. „Aber du nimmst keine Rücksicht auf mich. Du willst es so und ich habe mich danach zu richten.“ – „Aha. Aber ich würde ja gerne mal etwas tun, was dich anmacht. Aber da ist ja gar nichts. Du hast ja gar keine Phantasien.“

Sie blieb vor ihm stehen. „Bertram, das ist einfach falsch, was du sagst. Natürlich habe ich Phantasien. Ich hänge sie nur nicht an die große Glocke und fordere sie auch nicht ein. Aber es gibt sie.“ Bertram legte die Zeitung weg. „Na dann erzähl mal. Ich bin gespannt.“

(102) Ingo schob den Kinderwagen mit einer Hand, die andere hatte er in seine Jackentasche vergraben.

Ingo schob den Kinderwagen mit einer Hand, die andere hatte er in seine Jackentasche vergraben. Jakob war zwar aufgewacht, als er ihn aus der Wiege genommen hatte, aber bereits im Aufzug nach unten hatte er sich wieder beruhigt und schlief wieder. ‚Hat er auf jeden Fall von seinem Vater‘, dachte Ingo. Sonst wäre er für den Rest des Tages noch am Quäken.

Beim Spazierengehen entfernte Ingo sich nie allzu weit von der Wohnung, denn immer fehlte etwas und er musste noch mal zurück nach oben. Eigentlich war es langweilig mit dem Kind draußen herumzulaufen. Der Spazierweg, den er gewählt hatte, fing an ihn zu nerven. Oft, wenn er so daher kam, dachte er, dass es ein Fehler war, zu Hause zu bleiben. Es kam immer auf die Stimmung an. Mal so, mal so.

Am Ende des Rundgangs setzte sich Ingo immer noch einmal auf eine der Bänke am Spielplatz. Am Anfang hatte es ihm logisch erschienen, sich gerade hierhin zu setzen. Später, als es bereits eine Gewohnheit geworden war, sagte er sich, dass er genauso gut in einer Kneipe sitzen könnte, denn Jakob würde auch davon nichts mitbekommen. In den letzten Wochen hatte er es sich angewöhnt, an dem Kiosk vor dem Spielplatz eine Flasche Bier zu kaufen. Es war so eine Art Belohnung für ihn.

Die Frau im Kiosk kannte ihn bereits und er brauchte nicht einmal mehr zu sagen, was er wollte. Das fand er einerseits zwar praktisch, andererseits fühlte er sich dabei durchschaut und ertappt. Peinlich wäre es vor allem, wenn er mal mit Antje hierherkäme und die Frau ungefragt eine Flasche Bier hinstellen würde. Er würde dann von einem Missverständnis sprechen. Antje würde denken, dass er dort eine Flasche nach der anderen leerte, anstatt jedes Mal nur eine.

Mit dem Bier setzte er sich auf seine Stammbank, zwischen den Schaukeln und der Rutsche. Das Wetter war nicht so toll und deshalb war der Spielplatz fast leer. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite des Sandkastens saß eine Frau im Pelzmantel. Seltsamerweise trug sie eine Sonnenbrille, obwohl die Sonne wirklich nicht sehr stark schien. Jakob schlief friedlich. Perfekt. Ingo trank einen ersten Schluck, der ihm guttat im Mund, in der Kehle, in der Speiseröhre und im Magen. Als er wieder zu der Frau hinüberschaute, hatte er den Eindruck, dass sie ihren Pelzmantel oben etwas aufgeknöpft hatte. Darunter schimmerte nackte Haut durch. Ingo konnte nicht erkennen, ob sie zu ihm herschaute. Er wandte sich um. Es war sonst niemand auf dem Spielplatz. Er trank noch einen Schluck. Währenddessen beobachtete er wie die Frau auch unten die Mantelhälften lockerte. Eine blitzartige Erkenntnis durchfuhr ihn: unter ihrem Pelzmantel war die Frau vollständig nackt! Sie öffnete den Mantel nicht komplett, aber gewährte ihm Einblick auf ihren Busen, ihren Nabel und, als sie die Beine auseinander schlug, auf ihre behaarte Scham. Die Farbe ihrer Schamhaare entsprach der Farbe ihres Pelzmantels.

Während er sein Bier trank, beobachtete er sie und fragte sich, was die Frau mit ihrer Darbietung bezweckte. Dann fing Jakob an zu heulen. Die Frau klappte den Mantel zu, Ingo stopfte die Bierflasche in einen Mülleimer und zog mit dem Kinderwagen ab. Er hoffte, dass Antje schon seit mindestens fünfzehn Minuten zu Hause war.

(101) Sie drehten sich im Kreise.

Sie drehten sich im Kreise. Gelb, dann grün, dann orange, dann blau und wieder gelb. Immer im Kreise herum. Jakob folgte mit weit aufgerissenen Augen den kleinen Plüschfiguren an Fäden, wie sie sich im Klang der Spieluhr drehten und zu tanzen schienen. Er kreischte vergnügt, öffnete den Mund und ließ eine Ladung Speichel an seinem Kinn herunter tropfen. Dann spitzte er die Lippen und schaute noch einmal genauer auf den Hasen und das Huhn, die sich über ihm drehten. Mit einem Mal hörte die Musik auf und die Figuren blieben stehen.

Jakob gab einen Laut des Missvergnügens von sich, aber die Figuren bewegten sich nicht vom Fleck. Als ob sie sich mit der weißen Zimmerdecke vermischt hätten, hatten sie aufgehört, auf sich aufmerksam zu machen. Nachdem sich nichts mehr bewegte, fing Jakob enttäuscht an zu Brüllen. Sein Gesicht wurde rot. Die Figuren bewegten sich ein bisschen, aber nicht wie vorhin und auch nur, weil er mit Armen und Händen strampelte und die Wiege, in der er lag, zum Schwanken brachte.

Ingo Roth hob seinen Sohn aus der Wiege und nahm ihn auf den Arm. Er ging mit ihm auf und ab und beruhigte ihn. ‚Die Wohnung sieht sehr unordentlich aus‘, dachte er dabei. Soviel zu tun und er wusste nicht, wo er beginnen sollte. Es war auch nicht seine Idee gewesen, nach der Geburt des Kindes zu Hause zu bleiben. Aber Antje hatte es so arrangiert, wie es ihr passte. Jakob wurde etwas ruhiger und hörte auf zu strampeln. Die Spülmaschine konnte Ingo nicht einräumen, weil der Salzstand zu niedrig war und kein Salz mehr im Haus war. Beim Einkaufen vergessen. So etwas kam vor. Ja, die Steuererklärung hatte er sich vorgenommen, aber es fehlten noch Belege. Morgen würde er sich darum kümmern, dass sie zugesandt wurden. Es war halt einfach so viel zu tun.

Jakob war eingeschlafen. Ingo legte ihn zurück in die Wiege. Er schaute auf die Uhr. Wenn er jetzt eine Runde um den Block drehte und dann noch etwas am Spielplatz abhing, würde er später als Antje wieder zuhause sein. Mit ziemlicher Gewissheit würde sie bis dahin die Wohnung aufgeräumt haben. Jakob musste halt noch einmal raus. Und während er das Kind wieder auspacken würde, hätte Antje schon mit den Essensvorbereitungen begonnen.

„Komm Jakob, wir gehen nochmal um den Block“, sagte er in Jakobs Richtung und legte die Kleidungsstücke zurecht, die er dem Kind nun anziehen wollte.

(100) Mit einem Ruck wachte Gobbo auf und schaute verwirrt um sich.

Mit einem Ruck wachte Gobbo auf und schaute verwirrt um sich. Er sah ‚Tisch‘, ‚Uhr‘, ‚Vorhang‘, ‚Tür‘. Als er auf seine linke Hand starrte, las er auf dem Handrücken ‚Gobbo‘, geschrieben mit dem schwarzen Filzmarker, den er in der anderen Hand hielt. Die Umrisse der Buchstaben waren etwas unscharf, als ob sie schon oft nachgezogen worden wären. Dann erinnerte er sich wieder.

Er selbst war Gobbo und ihm kamen die Namen der Dinge abhanden. Immer wieder vergaß er wie sie hießen. Später fiel es ihm meistens wieder ein, aber in dem Augenblick, in dem er die Worte benutzen wollte, war da nur ein weißes Nichts in seinem Kopf. Ein Rauschen wie auf dem Fernsehschirm, wenn kein Sender eingestellt war.

Was am Anfang noch lustig war, verschlimmerte sich zusehends. Er wurde immer vergesslicher. Mit dem Motorrad fuhr er nicht mehr los, seit er sich so verirrt hatte, dass die Polizei ihm wieder zurück helfen musste. Dabei war er nicht weit von zu Hause entfernt gewesen.

Er hatte irgendwann angefangen, die Dinge zu beschriften. Wenn er auf die Tür schaute, wusste er so, dass sie Tür hieß. Glücklicherweise war es bisher nicht vorgekommen, dass er die Funktion der Dinge vergaß. Als er aber jetzt auf den Marker schaute, brauchte er etwas Zeit, bevor ihm klar wurde, dass das der Stift war, mit dem er Dinge beschriftete.

Das war wieder so ein Moment der Erkenntnis, in dem ihn die Angst packte. Wie würde es mit ihm weitergehen? Wahrscheinlich würde er irgendwann die Schriftzeichen nicht mehr entziffern können. Er würde ihre Linien anschauen, mit den Fingern daran entlangfahren, aber er würde nicht mehr begreifen, was sie bedeuteten. Er würde einen Sessel anschauen und ihn nicht mehr von einem Tisch unterscheiden können. Die Uhrzeit würde ihm nichts mehr bedeuten, es wäre nur noch ein grauer Einheitsbrei, in dem er schwimmen würde, tagaus und tagein. Würde er noch wissen, was es heißt zu essen? Würde er versuchen seinen Ledergürtel zu verspeisen oder Essig zu trinken? Oder würde er ganz einfach verhungern, weil er vergessen hatte, dass man essen muss? Er würde sich immer mehr zurückbilden. So wie er sich irgendwann einmal aus einem Säugling zu einem Mann entwickelt hatte, würde er wieder in einen Zustand der Ahnungslosigkeit zurückkehren. Er schaute wieder auf seine Hand. Gobbo. Was bedeutete Gobbo noch mal? Mit der anderen Hand nahm er den Marker und schob ihn sich wie einen Schnuller in den Mund.

(99) Es lagen viele umgestürzte Bäume quer über der Straße.

Es lagen viele umgestürzte Bäume quer über der Straße. Gobbo musste sehr konzentriert sein Motorrad durch den Irrgarten lenken. Oft konnte er nur im Schritttempo fahren und half mit den Füßen, sein Gleichgewicht auf der schweren Maschine zu halten. Manchmal musste er absteigen und sein Gefährt mit der Hand durch das Dickicht am Waldrand schieben.

Obwohl der Sturm an Stärke bereits nachgelassen hatte, fielen immer noch krachend Bäume um. Er musste auf der Hut sein. Es war, als ob der Wald kein Ende nahm. Das Ausmaß der Zerstörung durch den Sturm war gewaltig. An manchen Stellen hatte der Orkan kilometerweite Schneisen durch den Wald gefressen. Die beste Möglichkeit voranzukommen war trotzdem immer noch die enge, gewundene Straße. Wenn es Abschnitte gab, die relativ offen waren, keimte bei Gobbo die Hoffnung auf, irgendwann ans Ende der Zerstörung zu gelangen und einen Neuanfang zu wagen. Doch dann wurde es schnell wieder unübersichtlich.

Zuerst waren es nur kleine Risse gewesen, die er bei der Fahrt im Straßenbelag bemerkte. Risse, wie sie durch den Wechsel von Sommer und Winter entstanden. Dann wurden die Risse tiefer, entwickelten sich zu Furchen. Die meisten längsseits der Straße, manche aber auch quer. Er musste aufpassen, dass der Schlag beim Überfahren der Risse ihn nicht von der Maschine holte. Ein besonders tiefer Längsriss tat sich auf und begleitete ihn auf einem schier endlosen Abschnitt. Der Riss grub sich tiefer und tiefer in die Straße ein. Gobbo konnte nicht bis zum Boden sehen. Es war wie ein Canyon. Er hoffte noch, diesen Riss nicht überqueren zu müssen, als gerade dies eintrat. Ein dicker Baum versperrte die Seite, auf der er fuhr. Der Waldrand war völlig undurchdringlich. An einer Stelle berührten sich die Ränder des Risses noch und er entschied, dort eine Überquerung zu wagen.

Er suchte einen stabilen Halt für seine Stiefel, je ein Bein auf jeder Seite des Abgrunds. Das Motorrad hielt er zuerst am Lenker fest und dirigierte es langsam auf die Nahtstelle zu. Das Vorderrad erreichte die andere Seite. Gobbo konnte jetzt auch am Sitz voranschieben. Das Hinterrad war fast auf der Mitte der Spalte, als er ein schwappendes Geräusch aus der Tiefe des Risses hörte. Etwas weiter die Straße herunter lief bereits eine nachtschwarze Flüssigkeit aus der Spalte und ließ alles verschwinden, das es berührte.

Gobbo schaute nach unten und sah, dass das Schwarze auch bereits seine Stiefel erreicht hatte und sie verschwunden waren. Er ließ das Motorrad los, das in die Brühe fiel und weg war. Schon stand er bis zu den Hüften in der Flüssigkeit. Um ihn herum verschwand alles. Sogar der Himmel wurde schwarz und senkte sich wie ein Deckel auf ihn nieder.

(98) Es war eine enge dunkle Landstraße, die gewunden durch den Wald führte.

Es war eine enge dunkle Landstraße, die gewunden durch den Wald führte. Ronny folgte ihr, ohne zu wissen, wo sie ihn hinführte. Die Bäume, alles Fichten, standen eng aneinandergedrängt und schienen keinen Durchlass zu erlauben. Er drehte sich um und es war ihm, als ob der Weg, der hinter ihm lag, noch dunkler war als der vor ihm. Er ging weiter.

Als er um eine Kurve bog, sah er in der Ferne eine Lichtung. Nach und nach konnte er ausmachen, dass mitten in der Lichtung eine Kreuzung lag. Auf der rechten Seite stand ein kleines Haus, eher ein Schuppen aus verwittertem Holz, der baufällig aussah. Mitten auf der Kreuzung stand eine Frau. Sie schien auf ihn zu warten und hielt etwas in den Händen. Es war eine runde Metallschüssel und daraus fiel ein Lichtstrahl auf ihr Gesicht. Als er noch näherkam, sah er, dass es seine Mutter war, die ihn mit versteinertem Gesicht erwartete. Mit beiden Händen hielt sie ihm die Schüssel von unten, wie eine Opfergabe, entgegen. Als er vor ihr stand, senkte er den Kopf und schaute in die Schüssel. Sie war leer. Nur ein paar zerbröselte Laubblätter lagen unten drin.

Ronny schaute fragend seine Mutter an.

Aber jetzt war es nicht mehr seine Mutter, sondern Emmy, die Fotografin. Er hatte vorher noch nie bemerkt, dass sie wie eine junge Ausgabe seiner Mutter aussah. Sogar ihre Frisur, ein abgerundeter Bob mit seitlich getragenem Pony, war sehr ähnlich. Emmy schaute in die Schüssel und er folgte ihrem Blick. In der Schüssel waren jetzt zwei smaragdgrüne Schlangen, die ihn fordernd ansahen. Ronny wich erschrocken zurück. Dann waren die Schlangen weg, auch die Schüssel und auch Emmy. Sogar das Haus war verschwunden.

Er drehte sich einmal um die eigene Achse und schaute die vier Straßen an. Sie sahen alle gleich aus und führten in einen Wald, der ohne Ende zu sein schien. Während er überlegte, was er als nächstes tun sollte, hob sich der Wind. Zuerst war es nur ein Säuseln in den Fichten. Mit immer stärker einsetzendem Rauschen wiegten sich die Bäume hin und her, immer heftiger. Der Himmel hatte sich verdunkelt. Es fing an zu regnen. Ronny traute sich nicht, unter den Bäumen Unterschlupf zu suchen. Die Regentropfen prasselten auf ihn und sprangen auf der Straße hoch. Der Sturm verstärkte sich immer weiter. Er hörte Knacken im Wald und sah dann, wie an einigen Fichten Risse wie helle Wunden aufklafften, bevor der Baumstamm brach und Holz splitterte. Immer mehr Bäume fielen um und einer davon fiel auf Ronny.

(97) Ronny Erdmann legte den Stapel mit den Fotos auf den Tisch.

Ronny Erdmann legte den Stapel mit den Fotos auf den Tisch. Oben drauf lag der Entwurf des Buchcovers: „Zurück zu den Basics – Grundlagen moderner Frisuren von Ronny“. Was Toni wohl gerade machte? Wahrscheinlich zog er mit irgendwelchen Kerlen durch die Clubs und erzählte ihnen von diesem Langweiler in der Provinz. Ronny stand auf und nahm die Flasche Wodka und ein Glas aus dem Schrank. Mit Toni hätten sie Wodka Orange getrunken. Ohne Toni würde auch Wodka pur reichen. Er nahm das erste Foto vom Stapel. Big Hair mit verspielter Locke. Er trank einen Schluck und ergriff den weißen Marker. Sorgfältig zeichnete er mit Pfeilen auf, wohin die Lockenwickler gehörten und wie die Haarsträhne für die Locke aufgeteilt gehörte.

Das Buch war seine Fahrkarte aus der Provinz in die Metropole. Toni hatte Recht, auf die Dauer versauerte er bei den Omis, für die er mehr Beichtvater war als Haarkünstler. Verdammt, jetzt hatte er einen Wickler falsch eingezeichnet. Er nahm den nächsten Abzug des gleichen Motivs vom Stapel und ließ das verhunzte auf die Erde fallen. Er trank noch einmal aus dem Glas, bevor er den Stift wieder ansetzte. „Weißt Du wie viele Salons es da gibt? Ich wäre ein Niemand!“ Toni wollte nicht warten auf das Buch. Er hatte einen Heißhunger auf das Leben.

Oh nein. Diesmal zeigte ein Pfeil in die falsche Richtung. Nicht korrigierbar. Ronny zerkritzelte das Foto, bevor er es wegwarf und nahm den nächsten Abzug. Es war ein anderes Foto! Pagenkopf mit leichten Locken im Deckhaar. Er schaute den Stapel durch. Emmy, die Fotografin, hatte ihm von jedem Motiv nur zwei Abzüge geschickt. Wie ungünstig.

Er goss sich noch ein Glas ein und griff wieder zum Marker. Mit dem Buch hatte er bessere Chancen einen guten Salon zu übernehmen, ohne alles in bar zu bezahlen. Es wäre dann nicht ‚Ronny Wer?‘ sondern ‚Ah, Ronny!‘. Ob Toni dann noch verfügbar sein würde. Unwahrscheinlich. War jetzt der Marker leer? Als er die Blechhülse etwas schüttelte, löste sich ein großer Tropfen und fiel dem Model auf dem Foto genau auf die Nase.

Ronny heulte auf, zerknüllte den Abzug und warf ihn gemeinsam mit dem Marker in die Ecke. Er trank das Glas in einem Zug aus und schenkte sich nach.

Scheiß auf Toni! Warum sollte er auch in die Stadt gehen? Warum dieser hirnrissige Plan mit dem Buch? Wieso würde ihm das den Weg zu irgendetwas ebnen? Der Plan war schlecht, die Fotos provinziell und er selbst nicht mehr als ein Lockendreher vom Land. Niemand hatte auf ihn gewartet. Genauso gut könnte er auch mit dem Föhn in die Badewanne steigen. Nach und nach leerte er die Flasche weiter und irgendwann fielen ihm die Augen zu. Er legte sein Gesicht auf den Pagenkopf mit den leichten Locken im Deckhaar und schlief auf ihm ein.

(96) Fanny Urbach saß in dem Frisierstuhl unter einem Nylonumhang, der mit einem Leopardenmuster bedruckt war.

Fanny Urbach saß in dem Frisierstuhl unter einem Nylonumhang, der mit einem Leopardenmuster bedruckt war. Im Spiegel schaute sie Ronny an, der neben ihr stand. In einer Hand hielt er eine vergoldete Bürste und mit der anderen, der Hand mit dem goldenen Siegelring am kleinen Finger und der goldenen Rolex am Handgelenk, hob er eine Haarsträhne hoch. Seine Hände, stellte Frau Urbach wieder einmal fest, waren einerseits sehr muskulös, andererseits aber auch fast feminin zart. Ronny hatte definitiv die schönsten Männerhände, die sie jemals gesehen hatte.

„Sie haben wunderbares Haar, Frau Urbach. Sie sind eine der wenigen Frauen, bei denen ich eigentlich keine Pflegemittel brauche. So ein wunderschönes, gesundes, festes Haar. Einmal in der Woche Shampoo und Legen, und das war es schon.“ – „Danke, Ronny, Das freut mich. Aber Sie können bestimmt doch etwas Magisches mit meinen Haare tun.“ Sie zwinkerte ihm zu. Er zupfte an ihren Locken und beschaute im Spiegel, wie es wirkte. „Sie haben eine perfekte runde Kopfform“, erklärte er und beschrieb mit beiden Händen eine Kugelform um ihren Kopf herum. „Ganz interessant für Sie wäre zum Beispiel eine lockere Kurzhaarfrisur, vielleicht ein Bob – so – mit einer Stirnwelle – etwa so – und dann mit einem Außenschwung – so.“ Er deutete immer an, was er meinte und steckte dabei Haarklammern fest. Nachdem er wieder etwas länger nachdenklich geschaut hatte, entfernte er die Klammern wieder und sagte: „Wir sollten überlegen, dass Sie Ihre Haare etwas länger wachsen lassen. Vielleicht bis hierhin.“ Er zeigte mit der Hand auf ihre Schulter. „Dann würde ich ihnen ein paar Stufen hineinschneiden – so. Damit würden wir Ihr Gesicht optisch ausdrucksstärker gestalten.“

Frau Urbach hing an seinen Lippen. Mit seinen Ausführungen konnte sie sich die Veränderungen plastisch vorstellen. Vor allem aber genoss sie es seine flinken wuseligen Finger in ihren Haaren zu spüren. Es war keinesfalls sexuell, denn sie wusste, dass Ronnys Interesse an Frauen nur beruflich war. Aber er war ein Künstler, jemand der mit seinen Händen arbeitete und eine gewisse Sinnlichkeit ausstrahlte. Nicht so wie Ewald, der den ganzen Tag nur mit Akten und langweiligen Mandanten verbrachte. Sie war froh, dass sie einem saft- und kraftlosen Wochenende mit ihrem Mann entkommen war. Der Genuss der Schönheitsfarm war nur für sie, denn Ewald würde die Veränderungen nicht einmal bemerken. „Das hört sich fantastisch an, Ronny. Wenn ich bei Ihnen bin, fühle ich mich wie eine Göttin.“

(95) Nach kurzer Überlegung zog Lampe den Smoking bereits zuhause an.

Nach kurzer Überlegung zog Lampe den Smoking bereits zuhause an. So würde er nachher Zeit sparen. Urbach hatte ihn zu einem, wie er sagte, „kleinen Extra“ eingeladen, nur für sie beide. Ohne den Club mit seinen strengen Regeln. Urbachs Frau war an dem Wochenende in ein Wellnesshotel gefahren. Sie hatten also freie Bahn.

Urbach wohnte in einer Villa außerhalb der Stadt. Lampe hatte das Haus noch nie zuvor gesehen. Erst als er in die Einfahrt bog bemerkte er, dass das Haus eher einem Schloss ähnelte und mitten in einem weitläufigen Park lag. Als er den Wagen in der Auffahrt abstellte, kam Urbach bereits aus dem Haus. Auch er trug einen Smoking. „Hallo, Lampe. Schön, dass sie auch schon bereit sind. Dann können wir gleich loslegen. Sehr elegant, übrigens.“ – „Gucci“, antwortete Lampe. „Bei Ihnen Armani?“ – „Natürlich“, entgegnete Urbach. Lampe wusste immer noch nicht, worum es gehen sollte, er folgte aber Urbach, der um das Haus herum vorging.

Vor der hinteren Terrasse standen zwei Benzinrasenmäher. Jetzt verstand Lampe. Er jauchzte und Urbach lächelte erfreut. Lampe erinnerte sich irgendwann gesagt zu haben, dass er die Fokussierung des Clubs auf reine Sportaktivitäten limitierend fand und man das Angebot der Aktivitäten ausdehnen sollte. Natürlich war das nicht mit den Regeln des Clubs vereinbar.

Sie besprachen kurz die Vorgehensweise. Die Rasenflächen um das Haus herum waren ausgedehnt, sie würden sich nach Belieben austoben können. Zuerst stellten sie sich parallel zueinander auf und mähten die längste Rasenfläche. Dabei ging einer von ihnen nach hinten versetzt, so dass die Rasenreste durch den Auswurf des Rasenmähers auf den jeweils anderen geschleudert wurden. Am Wendepunkt wechselten sie die Aufstellung.

Bereits nach ein paar Runden waren ihre Smokings samt Hemden, Kummerbunden und Querbindern über und über mit einer grünen Matte bedeckt. Als sie schließlich mit dem Mähen fertig waren, duschten sie gemeinsam unter der Gartendusche hinter dem Gerätehaus, natürlich in ihren Smokinganzügen. Zweimal mussten sie das Gras aus der Duschwanne mit den Händen herausholen, weil der Abfluss verstopfte. Von ihren nassen Smokings bürsteten sie sich gegenseitig die letzten Grashalme ab. Die weißen Hemden hatten an der Vorderseite grüne Flecken und waren wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Lampe war glücklich. Es war so, wie er es sich geträumt hatte. Unter freiem Himmel, quasi in der Natur, war es ein ganz besonderes Vergnügen. Völlig anders als in einem muffigen Fitnessstudio. Er fühlte sich gelöst. Urbach ging es genauso wie ihm. In diesem Augenblick fühlten sie sich einander verbunden. Als sie später in ihren noch triefendnassen Smokings auf der Terrasse saßen und Bier trinkend den Sonnenuntergang genossen, war es das traumhafte Ende eines schönen Sommertags.

(94) Herr Baumann, erzählen Sie mir noch einmal, was damals genau in dem Observationsposten vorfiel.“

„Herr Baumann, erzählen Sie mir noch einmal, was damals genau in dem Observationsposten vorfiel.“ Gerd Baumann lehnte sich nach vorne und erzählte Lampe von der Polarexpedition vor zwei Jahren. Er und zwei andere Forscher, darunter Sigmund Dinse, waren auf Grönland in einer Art Container postiert, um von dort aus das Verhalten der Eisbären zu beobachten. Es war Sommer und damit immer hell genug, um die Eisbären recht gut zu erkennen.

Nach der Expedition hatte Baumann ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben und Dinse daraufhin eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung erwirkt. Baumann habe ihn falsch und ehrenrührig dargestellt. Der dritte Forscher war vor einem Jahr auf Spitzbergen von einem Eisbären zerfleischt worden, daher konnte er nicht mehr als Zeuge aussagen.

Baumann hatte geschrieben, dass Dinse es mit der persönlichen Hygiene nicht so ernst genommen hatte und man daher öfters das Containerfenster zum Lüften hatte öffnen müssen. Vorher war es absolut notwendig, sich zu vergewissern, dass keine Eisbären in der unmittelbaren Umgebung waren. Einmal hatten sie jedoch ein besonders neugieriges Männchen übersehen. Sie hatten den Eisbären Namen gegeben, um sie in den Berichten besser unterscheiden zu können. Dieser hieß Bronco.

Plötzlich streckte Bronco seinen Kopf und Hals durch das Fenster des Containers. Polarbären haben einen langen Hals und deshalb konnte Bronco fast die Hälfte des Raums im Container erreichen. Baumann sagte, er und der andere Forscher haben Ruhe bewahrt und sich gegen die Wand gedrückt. Dinse hatte allerdings den Kopf verloren, hatte geheult und wild gestikuliert, was Bronco beunruhigte. Der Eisbär versuchte, den Kopf zurück zu ziehen, verkeilte sich aber im Fensterrahmen und geriet in Panik. Mit seinen tödlichen Zähnen schnappte er nach links und rechts in den Container hinein. Dinse hatte sich daraufhin vor Angst eingenässt und -gekotet.

Dies hatte Baumann sachlich in seinem Buch ‚Von Polarbären und Menschen‘ dargestellt. Dinse hatte geklagt. „Interessant“, sagte Lampe. „Also Dinse war natürlich angezogen, denn es war ja immerhin Grönland, wenn auch im Sommer. Und er hatte sich wirklich in die Hose gemacht? Wie konnten Sie das denn feststellen? Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist nicht so, dass ich das persönlich wissen möchte. Aber das ist die Art von Fragen, die Ihnen der Richter auch stellen wird. Deshalb brauchen wir schon jetzt eine Antwort darauf.“