(72) Franziska Bach stemmte sich mit den Schultern gegen die Rückenlehne des Fahrersitzes…

von Alain Fux

Franziska Bach stemmte sich mit den Schultern gegen die Rückenlehne des Fahrersitzes, hob den Hintern an und zog das Bündel mit den Steaks aus ihrer Unterhose. Das Fleisch fühlte sich warm an hinter der spiegelnden Glätte der Folie. Sie legte ihre Beute auf den Beifahrersitz und ließ den Motor an. Bis Holger von seiner Schicht zurück war, würde sie zu Hause sein und sein Steak zubereitet haben. Als sie vom Parkplatz auf die Straße bog, baute sich das Adrenalin in ihrem Körper ab. Sie lächelte sich im Rückspiegel an.

Ab und zu brauchte sie einen Kick in ihrem Leben. Nachdem sie Jogging, Pilates und Yoga versucht und für langweilig befunden hatte, war sie dem Ladendiebstahl verfallen. Die Idee war ihr gekommen, als sie eines Nachmittags ‚Frühstück bei Tiffany‘ im Fernsehen sah. Danach war sie zu einer Drogerie gefahren und hatte beim Durchstöbern ‚versehentlich‘ (darauf hatte sie sich für alle Fälle bereits mental vorbereitet) eine Flasche ihres Lieblingsparfüms in die Handtasche gesteckt. Sie war sehr aufgeregt gewesen und hatte am ganzen Körper geschwitzt. Sie erwartete, dass die Kassiererin sie entlarven würde und war schon drauf und dran, ungefragt das Fläschchen auf das Laufband zu legen. Aber sie hielt durch und die Kassiererin hatte nichts bemerkt, so wie die anderen Menschen im Laden. Aber als sie wieder draußen vor der Tür stand, fühlte sie sich wie neu geboren, oder wie nach einem unendlich langen Orgasmus.

Seitdem ging sie ’shoppen‘, wie sie es nannte, wann immer ihr langweilig war. Parfüm machte ihr dabei genau so viel Freude wie Fleisch, Alkohol oder ein Mörser. Es kam immer nur auf die Gefahr des Entdecktwerdens an. Obwohl bisher alles glatt gelaufen war und sie noch nie von einem Ladendetektiv angehalten worden war, war sie immer noch sehr vorsichtig. Sie brauchte den Kick, aber sie war nicht leichtsinnig.

Einmal wäre sie fast erwischt worden mit einem Bündel Socken für Holger, aber sie hatte die Anwesenheit des Detektivs hinter ihr gespürt und das Bündel in ein Regal zwischen die Müllbeutel gelegt. Niemand hatte sie angehalten. Eine Entdeckung wäre ihr sehr unangenehm gewesen. Auch wegen Holger. Immer wieder versuchte sie auch andere Beschäftigungen, aber nichts gab ihr mehr Schwung als Ladendiebstahl. Sie musste halt nur vorsichtig sein und sich nicht erwischen lassen. Als sie in die Einfahrt einbog, sah sie, dass Holger schon zu Hause war.

Advertisements