(70) Er hätte sein Namensschild abnehmen sollen.

von Alain Fux

Er hätte sein Namensschild abnehmen sollen. Oder verdecken. Arme verschränken, Tasche davor halten, irgendwas. Was ist, wenn sie sich beschwerte? Firma war ja sichtbar. Protect Security. Würde eine Abmahnung geben. Wegen so einem Blödsinn. Gummipuppe. Hatte sie sich das ausgedacht? Unwahrscheinlich. Die schrägsten Geschichten sind wahr. Überhaupt Namensschild. Wenn nicht im Dienst ist es nicht notwendig. Nachher daran denken. Morgen. Ohne Schild im Dienst gibt auch eine Abmahnung. Immer die Angst vor den Abmahnungen. Als ob das ein Traumjob sei. Eingeschränkt von allen Seiten.

Dr. Mantel drückte Böhms Kopf noch etwas mehr zur Seite und führte den kühlen Trichter des Otoskops in sein Ohr. Böhm spürte, wie der HNO-Arzt auch ein schlankes, ebenfalls kühles Besteck einführte. Als wollte er ein Schloss in meinem Kopf knacken, dachte Böhm. Wie eins der vielen Schlösser, die er auf seinen Kontrollgängen überprüfen musste. Immer der gleiche Trott. Kaum hatte er die Tür, das Fenster oder den Rollladen überprüft, war die Mühe schon vergeblich gewesen, denn jemand könnte es ja mittlerweile geöffnet haben. Daher der nächste Rundgang und der nächste und so weiter. Er hatte mal einen Artikel über Zwangsneurosen gesehen. Leute, die immer alles mehrfach überprüfen mussten. Gas aus, Licht aus, Tür zu. Das war der Inhalt seines Jobs. Checken und überprüfen an einem Stück.

Dr. Mantel hatte jetzt ein paar Tropfen Flüssigkeit in den Gehörgang geträufelt und schien auf dessen Wirkung zu warten. Saß einfach nur da, als ob jemand den Aus-Knopf gedrückt hatte. Dann nahm er wieder das Otoskop und die Sonde auf. Dann zog er etwas aus Böhms Ohr. Als ob er einen Filzstopfen herausgezogen hätte, fühlte es sich für Böhm an. Es war als ob er viele Winde hören würde, die an ihm vorbeirauschten. „Es war ein gehöriger Wachspfropfen, den Sie ganz dicht am Trommelfell hatten. Jetzt müssten Sie wieder die Mäuse im Gebälk hören.“ Böhm bestätigte es lächelnd. Er war erleichtert, dass sein Gehör wieder intakt war.

Dr. Mantel wiederholte die Prozedur am linken Ohr, das aber weniger befallen war. Böhm sagte, dass es sich anhörte, als ob er am Meer stünde und der Brandung zuhörte. Dr. Mantel war bereits dabei, die Instrumente zu sortieren und sagte beiläufig, das sei normal und würde sich nach ein paar Minuten wieder legen. Er stand auf und reichte Böhm die Hand zum Abschied. Dann war er auch schon mit seiner Sprechstundenhilfe aus dem Behandlungszimmer gerauscht. Böhm hörte, wie er nebenan den nächsten Patienten begrüßte.

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