(69) Arnold Böhm blieb stehen und hielt sich das rechte Ohr zu.

von Alain Fux

Arnold Böhm blieb stehen und hielt sich das rechte Ohr zu. Er lauschte und nahm die abdeckende Hand weg. Er lauschte wieder und wiederholte den Vorgang nochmals mit dem anderen Ohr. Es war eindeutig, er hörte das Vogelgezwitscher wesentlich schlechter auf dem rechten Ohr. Böhm arbeitete als Sicherheitsmann in einem Einkaufszentrum und befand sich auf dem Weg zur Arbeit. Vorher wollte er sich bei einem HNO-Arzt durchchecken lassen. Gutes Hören war in seinem Beruf eine Voraussetzung – ein Hörgerät keine Alternative.

Er kam an einer Parkbank vorbei, auf der Dana Friedrich saß und schluchzend weinte. Böhm blieb neben ihr stehen und räusperte sich. „Kann ich etwas für sie tun?“

Sie schaute mit verheulten Augen zu ihm hoch. Böhm trug schon seine Uniform und sah vertrauenerweckend aus. Er sah auf die Uhr, er hatte noch Zeit bis zu seinem Arzttermin. Sie schüttelte den Kopf und weinte weiter mit zuckenden Schultern. Er ging vor ihr in die Hocke. „Ist etwas passiert?“ Sie öffnete sich erst nicht weiter und er bereute es, stehen geblieben zu sein. Aber jetzt konnte er nicht einfach weg. Irgendwann hatte seine ruhige Stimme eine Wirkung auf sie. Sie erzählte ihm, dass sie gerade erfahren habe, dass ihr Mann sie betrüge. Böhm war schon seit 13 Jahren geschieden, „glücklich geschieden“, wie er meistens hinzufügte. Sein Mitleid mit der Unbekannten nahm ab. Aber jetzt war sie im Erzählmodus und konnte nicht so leicht gestoppt werden. Er schaute wieder auf die Uhr und setzte sich neben sie auf die Bank. Sie berichtete von dem Hausmeister, dem Schlüsselbund und ihrem Besuch in der Wohnung. „Warten Sie“, unterbrach sie Böhm. „Habe ich das richtig verstanden? Ihr Mann betrügt Sie mit einer Gummipuppe, für die er eigens eine Wohnung angemietet hat?“ Ungläubig schaute er sie von der Seite an. Sie nickte. Dann hielt es ihn nicht mehr. Er musste laut heraus prusten und wiederholte: „Eine eigene Wohnung für die Gummipuppe…“ Ihr Gesicht versteinerte und sie hörte mit Schluchzen auf. „Gehen Sie jetzt. Ich möchte allein sein. Gehen Sie.“ Böhm stand auf. „Verstehen Sie mich nicht falsch. Es tut mir Leid für Sie. Aber eine Gummipuppe!?“ Er schüttelte den Kopf. „Hey, wissen Sie was? Vielleicht wollen Sie sich ja mal an Ihrem Mann rächen. Und zwar nicht mit einem Gummikerl. Ich komme jeden Tag um diese Zeit hier vorbei. Vielleicht kann ich Ihnen ja mal etwas Gutes tun. Keine Fragen. Sehr diskret. Nichts für Ungut. Ist ja nur ein Angebot. Ich finde Sie wirklich Spitzenklasse. Ihr Mann hat sie nicht verdient, ehrlich.“

Advertisements