(68) Die Hausnummer stimmte.

von Alain Fux

Die Hausnummer stimmte. Dana steckte den Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür. Er passte! Sie war zwar auf dem richtigen Weg, aber wollte sie ihn auch bis ans Ende beschreiten? Roman verhielt sich ihr gegenüber bereits seit einiger Zeit abweisend. Sie hatte es auf seine anstrengenden Geschäfte zurückgeführt. Die Künstler, mit denen er sich beschäftigen musste, waren wirklich anstrengend. Manche waren lebensuntüchtig oder komplett durchgeknallt. Deshalb hatte sie es auch abgelehnt, bei Abendessen, Ausstellungseröffnungen oder dergleichen dabei zu sein. Sie fühlte sich danach immer ausgezehrt und erniedrigt.

Am Tag vorher hatte sie zuhause einen seltsamen Anruf entgegen genommen. Ein Hausmeister wollte mit Roman sprechen. Es sei wegen der Wohnung in der Einwaldstr. 199. Dana wusste nichts von dieser Wohnung. Sie befragte Roman. Ihr Mann gab vor, auch nichts davon zu wissen.

Seine Reaktion schien ihr seltsam. Sie durchsuchte seinen Schreibtisch zuhause und fand einen Wohnungsschlüssel, den sie nicht kannte. Schon jetzt fühlte sie sich betrogen. Am nächsten Tag fuhr sie in die Einwaldstr. Das Haus lag in einer Wohngegend, angenehm, wenn auch nicht wohlhabend. Der Schlüssel hatte gepasst. Sie schaute auf die Klingelleiste. An einem Klingelschild stand nur ‚3B‘, genau wie auf dem Schlüssel. Sie drückte den Knopf. Nichts passierte, die Gegensprechanlage blieb stumm. Dana ging ins Haus und stieg die drei Treppen zu Fuß hoch. Sie schloss die Wohnung auf und öffnete die Tür einen Spalt. Sie klopfte. Nichts geschah. Dann ging sie hinein und zog die Tür hinter sich zu.

In der Wohnung war es sehr still. Sie konnte kaum den Verkehrslärm ausmachen. Die Wohnung war wenig möbliert, nur das Nötigste stand darin. Die Wände im Eingangsbereich waren in einem ekelhaften Grünton gestrichen. Im Wohnzimmer standen zwei Weingläser auf dem Couchtisch, eines war leer, das andere halb gefüllt. Auf dem Sofa entdeckte sie ein rotes Spitzenhöschen. Dana starrte angeekelt darauf. Die Küche war sauber und schien kaum genutzt zu sein. Ebenso das Bad, dessen Tür sie mit dem Fuß aufschob. Dana fiel auf, dass keine Schmink- oder Pflegemittel darin standen. Hier wohnte niemand. Es war eine Wohnung für den schnellen Fick. Vielleicht mit dieser Studentin, die ihm in der Galerie half und die sie vom ersten Augenblick an im Verdacht hatte. Sie ging weiter ins Schlafzimmer und blieb abrupt in der Tür stehen. Unter der Bettdecke zeichnete sich eine menschliche Form ab. „Hallo?“, fragte sie laut. Keine Antwort. Entschlossen trat sie an das Bett und riss die Decke herunter. Ein Schrei entfuhr ihr, als sie in Coralies kalte Augen schaute. Der Mund der Puppe war leicht geöffnet, ihre rosaroten Nippel schienen auf Dana zu zeigen. Breitbeinig lag sie im Bett und zeigte ihre haarlose Scham. Dana ließ den Schlüsselbund, den sie immer noch in der Hand hielt, fallen und flüchtete aus der Wohnung.

Advertisements