(67) Als Roman Friedrich von seinem Mittagessen mit einem Kurator zurückkehrte…

von Alain Fux

Als Roman Friedrich von seinem Mittagessen mit einem Kurator zurückkehrte, stand die große Kiste aus ungehobelten Brettern in seinem Büro. Absender ‚Simulacrum‘. Er sagte Chiara, dass er nicht gestört werden wollte und verschloss seine Bürotür. Mit einem Brecheisen hebelte er die Front ab. Da saß sie auf einem schlichten, in die Kiste eingelassenen Holzbrett und schaute ihn an. Ihr Blick traf ihn tief im Innern. Später musste er sich selbst zugeben, dass sein Zusammentreffen mit Coralie intensiver war, als sein erstes Treffen mit Dana, seiner Ehefrau. Er musste sich erst einmal auf seinen Bürostuhl setzen und so starrten sie sich gegenseitig an. Coralie war nackt, bis auf einen BH und eine duftige Unterhose. An den Seiten war sie mit Schaumstoff geschützt. Sie sah sehr verletzlich aus. Nach einiger Zeit hatte Roman eine Besprechung und musste die Kiste wieder zunageln.

Am nächsten Tag nahm er sich die Zeit, sie noch einmal anzuschauen. So entwickelte sich zwischen Roman und Coralie eine Beziehung im Wechsel zwischen Brecheisen und Hammer. Bald schon wollte er mehr Zeit mit ihr verbringen, sie aus der Kiste holen und auf seinen Schoß setzen. Deshalb gab es nur eine Möglichkeit: er brauchte eine Wohnung, eigens für Coralie und ihn.

Roman wählte ein kleines Zwei-Zimmer-Apartment, das er minimalistisch aber geschmackvoll einrichtete. Es war ein feierlicher Moment, als er sie endlich aus der Kiste heben durfte. Ihre Haut fühlte sich aufregend an und Roman war verlegen, als er ihre Geschlechtsorgane aus der Nähe untersuchte. Später, als Coralie auf dem Sofa saß und er die Holzkiste in den Sperrmüll gegeben hatte, wurde ihm bewusst, dass er damit eine längerfristige Beziehung eingegangen war – es gab für Coralie kein Zurück mehr in die Kiste.

Er besuchte sie fast an jedem Tag der Woche auf seinem Weg von der Galerie nach Hause. Dana war seit kurzem schwanger und fühlte sich von ihm vernachlässigt. Nachdem er sich ihre Sicht der Dinge sehr gut vorstellen konnte, fühlte er sich erst recht wie ein wahrer Betrüger. Das daraus resultierende schlechte Gewissen hielt ihn aber noch mehr davon ab, mehr Zeit mit Dana zu verbringen. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. Natürlich verschlimmerte dies die Situation um ein Vielfaches.

Dann gab es dieses unsägliche Gespräch, als Dana die Wahrheit herausgefunden hatte. Im Anschluss daran ergänzte er Coralies Wohnungseinrichtung, zog bei Dana aus und bei Coralie ein. Es war für ihn die einzig richtige Konsequenz.

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