(65) Roman, ich brauche einen Chirurgen!

von Alain Fux

„Roman, ich brauche einen Chirurgen!“ Roman Friedrich rollte mit den Augen und setzte sich erst einmal, bevor er in den Hörer sprach. „Herz-, Unfall- oder Kosmetische Chirurgie?“ – „Weiß nicht genau“, meinte Kurt Kessler. „Ich habe die Ausstellung jetzt perfekt. Alles läuft. Das Schwefelzimmer ist fantastisch – keiner darf rein. Der Teer schnurrt jetzt durch die Pumpe wie nichts. Und für den großen Raum habe ich ein tolles Readymade, das ich zu einer Performance ausbauen möchte. Hör zu.“

Kurt Kessler berichtete dem Galeristen, der in seinem Büro im Schreibtischsessel versunken war, von seinem Plan. „Zwei Typen, Typus Dorftrottel, sitzen nebeneinander auf ihren Aufsitzmähmaschinen und singen. Jeden Tag, um Punkt 12 Uhr, arbeitet ein Chirurg an ihnen. Jeden Tag werden sie an den Seiten ein bisschen mehr miteinander vernäht. Am Ende der Ausstellung sind sie siamesische Zwillinge und nennen sich zu Ehren ihrer Vorgänger um in Eng und Chang Bunker. Gleichzeitig arbeitet ein Schmied an den Aufsitzmähern und verbindet sie ebenfalls durch Streben oder sowas. Das ist ein echtes Rectified Readymade, im Sinne von Duchamps. Das ist ein Knüller. Und das absolut Obergeile an der Sache: Ich habe die beiden schon gefunden. Sie und die Rasenmäher. Komm, Roman, sag es, ich bin ein Genie.“

Roman antwortete ohne zu zögern: „Du bist ein Genie, Kurt. Das ist fantastisch. Hast Du mit den beiden schon einen Vertrag unterschrieben? Sind sie vertraut mit dem gesamten Plan?“ – „Klar, alles schon besprochen. Ein paar kleine Details stehen noch aus. Aber sie sind begeistert. Ein echter Knüller, Roman. Endlich merke ich, welch bahnbrechende Energie ich mobilisieren kann. Es ist so, als ob ich der Welt mein dickes Ding hinten reinstecken würde und die Welt stöhnt wollüstig.“ Friedrich räusperte sich. „Wow, Roman, das kann ich verstehen, das muss ein großes Gefühl sein. Mann, die ganze Welt… Spitze!“ – „Also, Du besorgst mir einen Feldscher, ja? Das ist der Hammer!“

Der Künstler legte auf. Roman auch. Kurt war einfach zu schnell hoch gekommen. Er hatte das Maß der Dinge verloren. Solange es für die Sammler in Ordnung war, hatte Roman nichts einzuwenden. Aber die Kunst von Kurt Kessler hatte sich in eine Richtung entwickelt, die die wirtschaftliche Seite der Arbeit in Frage stellte. Wer will einen 5-Meter hohen Teertropf kaufen? Wie sollte er jemand einen Haufen Rohschwefel andrehen, den niemand ansehen durfte, weil es zu gefährlich war? Wie sollte er zwei lebende, aber miteinander vernähte Personen vermarkten?

Advertisements