(59) Steinfest fiel dabei auch eine Hotelgeschichte ein.

von Alain Fux

Steinfest fiel dabei auch eine Hotelgeschichte ein. Nicht, dass er sie selbst erlebt hatte. Sie stammte von einem früheren Kollegen, der jemand aus seiner anderen Abteilung kannte, der es selbst erlebt hatte.

Das Hotel, um das es ging, war um einen ovalförmigen Innenhof gebaut. Die Fenster aller Zimmer waren auf diesen Innenhof ausgerichtet. Deshalb konnte man auch gut in die Zimmer hineinschauen. Steinfest erzählte nicht, dass er die Geschichte nur aus dem Grund kannte, weil die Abteilung immer wieder Honigfallen (sprich junge, appetitliche Frauen, meistens blond) auslegte für Vertreter fremder Mächte (der Ausdruck hatte sich bei ihm festgesetzt), die man mit den entstandenen Bildern erpressen konnte.

Daneben gab es auch eine andere Frau, die regelmäßig in dem Hotel übernachtete. Sie hatte die Angewohnheit sich abends bei fein dosiertem, aber punktuell hellem Licht vor den offenen Vorhängen der deckenhohen Fenster auszuziehen. Es kann sein, dass die über mehrere Stationen wiederholten Erzählungen aus einem Muttchen eine junge attraktive Frau gemacht hatten (und Steinfest war es in seiner Weitererzählung an Raisch auch nicht an Untertreibung gelegen). Zu berücksichtigen auch, dass die Originalerzähler schließlich ihre Brötchen damit verdienten, pikante bis obszöne Vorgänge auf Film fest zu halten. Tatsache war auf jeden Fall, dass die einsame Stripperin (denn sie war immer alleine im Zimmer), immer wieder für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Bei jedem Mal legte sich die Unbekannte nackt aufs Bett und besorgte es sich selbst. Danach schlüpfte sie unter die Decke und löschte das Licht. Einer der Kollegen hatte die Frau „die Hl. Lola der Handelsvertreter“ genannt.

Allerdings war die Geschichte erst später, nach Ende des Kalten Krieges, in einem abschließenden Bericht über die Aktivitäten in diesem Hotel den Vorgesetzten bekannt geworden. Ein sehr aufmerksamer Mensch hatte um Aufklärung des Sachverhalts gebeten. Jemand hatte daher viel später diese Vorgänge recherchieren müssen. Dabei kam heraus, dass die Dame immer nur an den Tagen im Hotel logierte, wenn auch die Kollegen von der Abwehr ihre Position bezogen hatten. Außerdem hatte die Dame immer ein Zimmer in dem Teil des Hotels, den die Kollegen einsehen konnten. Die Dame selbst konnte nicht mehr gefunden werden. Der von ihr angegebene Name war offensichtlich falsch. Da Steinfest allerdings nur einen Teil der Geschichte erzählen konnte, fehlte leider die eigentliche Pointe.

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