(56) Als Klaas Steinfest aus der Tür trat, verfluchte er seine Schwester Ilse ein weiteres Mal.

von Alain Fux

Als Klaas Steinfest aus der Tür trat, verfluchte er seine Schwester Ilse ein weiteres Mal. Am Pool lagen ein Dutzend andere Singles in Badezeug und alle schauten zu ihm rüber. Steinfest war im Vergleich zu allen anderen a) um Generationen älter b) Farbkategorien bleicher (ins Grünliche tendierend) c) adipös fetter. Ilse hatte ihm eine Woche Urlaub in einem österreichischen Singlehotel gebucht. Er sollte endlich eine Frau finden. Steinfest wusste schon, dass der Plan gescheitert war, noch bevor er sein Badetuch auf die Liege platzierte und sich darauf legte. Er empfand die Blicke, die sich bei Erwiderung von ihm abwandten, als verstört. Er legte ein zweites Badetuch über seinen Oberkörper. Das Buch („007 James Bond greift ein“), das er mitgebracht hatte, legte er auf den kleinen Tisch neben der Liege. Er schloss die Augen und fragte sich, ob das Getuschel der Schönen, Fitten und Jungen um den Pool herum, ihm galt. Er konzentrierte sich auf den ungewohnten leichten Windzug, den er auf seinen Beinen verspürte.

Beim Abendessen hatte man ihn an einen Tisch mit fünf anderen platziert. Wortführer waren Uwe, ein Autohändler, und Carsten, ein Computervertriebsmann, die sich um die Gunst von Elke bemühten. Elke war eine wahrscheinlich frisch geschiedene Raucherin mit viel Tagesfreizeit und einem generös ausgestatteten Schminkkoffer. Die beiden anderen Frauen waren nur Staffage und spielten wohl keine Rolle.

Uwe fragte Klaas nach seinem Beruf und Klaas, bevor er nachgedacht hatte, sagte das, was er immer sagte: „Beamter.“ Alle feixten, sogar die Staffage-Frauen. Uwe und Carsten schienen sich darin übertreffen zu wollen, Klaas zu demütigen. Er hätte bei keinem ihrer Witze lachen können, auch wenn sie nicht auf seine Kosten gegangen wären.

Endlich gab es Nachtisch und Klaas konnte sich entfernen. Er wollte eigentlich auf sein Zimmer, schaute dann aber in der Lobby vorbei und sah zum ersten Mal an dem Tag einen anderen Mann, der auch nicht fitter, schöner oder schlanker war als er selbst. „Darf ich?“, fragte er und setzte sich hin, als sein Gegenüber ihm freundlich zugenickt hatte.

Steinfest nahm sich eine angebotene Zigarette und gemeinsam schauten die beiden Oldies durch das Fenster in die Ferne, in der am Horizont noch die letzten Strahlen der untergegangenen Sonne zu sehen waren. Von unten aus der Bar, drang Gekreische nach oben. Wahrscheinlich hatte Uwe Elke einen Eiswürfel ins Dekolleté geflitscht. Er hatte es vorhin bereits angekündigt.

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