(55) Oben auf der Treppe standen die beiden ausgestopften Löwen…

von Alain Fux

Oben auf der Treppe standen die beiden ausgestopften Löwen, die ihn jedes Mal vorwurfsvoll ansahen. Steinfest ging auf dem abgetretenen Läufer den Flur hinunter zur ersten Tür. Sie stand offen und er sah wie Kurtmartin Welter, ihm den Rücken zukehrend, die Gewichte an der Standuhr hochzog. Steinfest klopfte dezent und trat ein. „Diese Uhr macht mir Probleme“, stellte Welter fest, nachdem er Steinfest begrüßt hatte. „Sie bleibt immer wieder stehen und ich muss ihr einen Schubs geben.“ Er lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Wie geht es Ihnen, Steinfest?“

Steinfest erzählte von Frau Kuhn. Nur die wichtigsten Punkte, ohne in Details zu gehen. Er wusste, dass Welter seine Berichte genau las und daher bestens informiert war. Es kam mehr darauf an, wie er redete, als was er sagte. Welter lobte ihn für die intelligente Platzierung der Kamera. Steinfest entspannte sich leicht. Dann lehnte sich Welter nach vorne und stützte sich auf seine Unterarme. Instinktiv wich Steinfest etwas zurück. „Heute Vormittag bekamen wir einen Anruf von Herrn Kreger, Kuhns Pfleger. Er macht sich Sorgen um Frau Kuhn und fragt sich, warum keiner aus der Firma sie besucht.“ Steinfest wollte sich verteidigen, aber Welter wischte den Anfang eines Einwands vom Tisch. „Nicht Ihr Fehler. Ich hätte es mir denken können. Die Einlieferung ins Krankenhaus war ein unkalkulierbares Risiko. Das war der Fehler.“ Welter schaute ihn an, um sicherzustellen, dass Steinfest genau verstand, was er implizierte. Steinfest senkte den Blick. „Sie brauchen nicht mehr zu dieser Überwachung zurück zu kehren, Steinfest. Der Fall ist“, er schaute auf die Uhr und verglich die angezeigte Zeit unwillkürlich mit dem Zifferblatt der Standuhr, die munter vor sich hin tickte, „wahrscheinlich gerade gelöst worden.“ Steinfest sagte nichts.

„Steinfest, Sie sind etwas weich geworden. Ich spüre es und weiß auch, wie das kam. Es geschah, weil Sie immer alleine arbeiten. Frau Kuhn kannte die Spielregeln. Alles was jetzt passiert ist, würde sie selbst gut heißen, wenn sie noch die wäre, die für uns gearbeitet hat.“ Welter kam um den Schreibtisch herum und setzte sich auf die Kante, Steinfest gegenüber. „Nehmen Sie sich zwei Wochen Urlaub. Danach werden wir sehen, worauf wir Sie dann ansetzen. Am besten eine Aufgabe in einem Team. Damit Sie wieder mehr unter Leute kommen, Steinfest.“ Welter knuffte ihn mit der Faust gegen die linke Schulter. Beide standen auf. Steinfest bedankte sich für den Urlaub und überhaupt. Sie schüttelten sich die Hände und Steinfest verließ Welters Büro. Als er zwischen den Löwen die Treppe hinunterstieg, sah er vor dem inneren Auge wieder Frau Kuhn, wie sie in die Banane biss und ihn dabei anschaute.

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