(54) Klaas Steinfest zog seinen rechten Schuh aus.

von Alain Fux

Klaas Steinfest zog seinen rechten Schuh aus. Die Dornwarze hatte sich seit seiner letzten Sitzung beim Podologen regeneriert und drückte beim Gehen auf den Knochen. Mit der linken Hand knetete er die schmerzende Stelle, mit der anderen klappte er den Laptop auf und streifte den Zeigefinger über den Fingerabdruckleser. Auf dem Bildschirm erschien das Bild von einer Überwachungskamera. Hannelore Kuhn saß auf dem Bett und telefonierte wieder mit ihrer Banane. Steinfest gratulierte sich dazu, wie er, in einer kühnen Aktion verkleidet als Handwerker, die Kamera vor zwei Tagen im Zimmer installiert hatte. Seitdem brauchte er nur ins Krankenhaus zu gehen, wenn Frau Kuhn wieder einmal ausgebüxt war, wie eben.

Steinfest kannte nicht die ganze Geschichte. Hannelore Kuhn hatte in einer geheimen Forschungseinrichtung gearbeitet. Steinfest wusste nicht für wen, an was oder in welcher Funktion. Es war halt geheim und es bestand keinen Grund, dass er diese Details kennen musste.

Auf jeden Fall war Frau Kuhn vor zwei Wochen am Arbeitsplatz ausgetickt. Da sie alleinstehend war, hatte man sie zuerst am Arbeitsplatz interniert. Als ihr Zustand sich nicht verbesserte, wurde sie in ein Krankenhaus gebracht. Steinfests Job bestand darin, sicherzustellen, dass Frau Kuhn weder weglief, noch von Vertretern fremder Mächte entführt wurde. Welter, Steinfests Vorgesetzter, war etwas vage bei den „fremden Mächten“, aber Steinfest wusste, worauf es ankam. Auf jeden Fall sollte er Frau Kuhn liquidieren, falls Gefahr drohte, dass sie in einen fremden Einflussbereich kommen sollte oder einfach nur unkontrollierbar wurde. Eigentlich gab es nur zwei gute Möglichkeiten: Komplettgenesung oder Tod. Alles andere war unspezifisch, aber für Steinfest glücklicherweise irrelevant.

Er gähnte. Noch drei Stunden bis zu seiner Ablösung. Dann ein Bier und ein Abendessen in einer Kneipe. Noch ein Bier zuhause und dann ins Bett. Und morgen wieder auf den Laptop starren. Vielleicht am Wochenende seine Schwester Ilse besuchen. Er fuhr nur zu ihr hin, weil er niemanden sonst kannte und kaum Hoffnung hatte, das zu ändern. Wenn er natürlich seine Freizeit dazu nutzte, zu seiner Schwester zu fahren, würde er sicher keine Frau kennen lernen. „Ein Teufelskreis.“ Steinfest erschrak. Jetzt hatte er sich wieder dabei ertappt, dass er alleine sprach. Er musste es sich abgewöhnen. Man konnte nicht beim Geheimdienst arbeiten und Selbstgespräche führen. Vor allem nicht, ohne es zu merken. Sonst würde er irgendwann wie Frau Kuhn enden.

Auf dem Laptopschirm sah er, dass Frau Kuhn ihr Gespräch beendete, die Banane pellte und hinein biss. Fast schien es Steinfest, als ob sie ihn dabei anschaute.

Advertisements