(53) Durch die Blätter der Schusterpalme beobachtete Hannelore Kuhn…

von Alain Fux

Durch die Blätter der Schusterpalme beobachtete Hannelore Kuhn, wie Heidi Fellner sich zum Ausgang des Klinikums bewegte. „Sie hat eine große Handtasche dabei und trägt ein Dreiteiler-Kostüm“, flüsterte Frau Kuhn in die Banane, die sie wie ein Telefon an die Wange hielt. Als die Unbekannte draußen war, richtete sich Frau Kuhn wieder auf. Schon hatte Steffen Kreger, der Krankenpfleger, sie entdeckt und kam mit Kopfschütteln auf sie zu. Sie ließ die Banane sinken.

„Frau Kuhn, Sie hatten mir doch versprochen auf Ihrem Zimmer zu bleiben. Kaum bin ich nicht da, schon laufen Sie mir weg.“ Bereitwillig ließ sie sich von Kreger zurück auf Zimmer 191 führen. Als der Pfleger die Tür geschlossen hatte, sagte sie zu ihm: „Sie beobachten mich. Die Männer in dunklen Anzügen. Sie wissen, wo ich bin und lassen mich nicht aus den Augen.“ Kreger nahm die Banane aus ihrer Hand und legte sie auf den Tisch.

„Frau Kuhn, niemand ist hinter Ihnen her. Außerdem passen wir auf Sie auf. Ruhen Sie sich aus, bald gibt es Mittagessen.“

Frau Kuhn war vor einer Woche eingeliefert worden. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten. An ihrem Arbeitsplatz, bei irgendeiner Behörde. Kreger, der sie von Anfang an betreute, bemerkte, dass sie keine Besucher hatte und tippte auf Einsamkeit als Ursache für die Belastungsreaktion. Trotz der Medikamente, die sie bekam, war Frau Kuhn weiterhin sehr unruhig. Seit sie im Krankenhaus war, litt sie unter Wahnvorstellungen und hatte paranoide Anfälle. Und immer wieder benutzte sie irgendwelche Gegenstände, um damit Telefongespräche zu mimen. Dr. Lelleck, der sie behandelte, hatte schon versucht, sie über ein gleichermaßen simuliertes Telefongespräch therapeutisch zu erreichen. Er war aber gescheitert, weil sie nicht auf ihn einging. Sie hatte immer nur von den Männern in dunklen Anzügen geredet.

„Können Sie nicht noch ein bisschen hierbleiben? Ich habe Angst, dass einer von denen hier reinkommt und mich umbringt.“ Frau Kuhn sah Kreger flehend an. „Ich bin draußen im Dienstzimmer und sehe jeden, der in den Flur kommt. Sie brauchen also keine Angst zu haben.“ Kreger fragte sich, ob Frau Kuhn ihre Medikamente vielleicht gar nicht einnahm. Er nahm sich auch vor, ein paar Nachforschungen zu machen, um vielleicht doch Freunde oder Familienmitglieder zu finden. Jemand, der Frau Kuhn emotional stabilisieren könnte. Er würde am nächsten Tag bei ihren Arbeitskollegen nachfragen.

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