(52) Der Oberarzt hatte Heidi Fellner beruhigt…

von Alain Fux

Der Oberarzt hatte Heidi Fellner beruhigt, dass es gute Chancen gäbe, dass ihr Sohn ohne dauerhafte Schäden aus dem künstlichen Koma aufwachen würde. Die Narkose war notwendig gewesen, um weitere Schäden abzuwenden. Mittlerweile sei die Hirnschwellung aber schon zurückgegangen.

Frau Fellner stand an Alexanders Krankenhausbett und kam sich etwas verloren vor. Sie hielt kurz seine Hand, ließ sie aber wieder los, weil es ihr seltsam erschien. Auf jeden Fall war es nicht schlimm, dass sie erst am nächsten Morgen gekommen war, sie hätte ohnehin nichts ändern können. Der Cocktailempfang hatte sich bis in den Abend gezogen und dann war es zu spät gewesen. Sie beschloss, sich doch einen Moment hinzusetzen. Sie hatte noch etwas Zeit bis zu dem Mittagessen mit einem befreundeten Unternehmensberater, der ihr sein Adressbuch für ein großes Fundraising-Event zur Verfügung stellen wollte. Vielleicht könnte sie aus gegebenem Anlass die Spenden daraus Schädelhirnverletzten widmen. Sie nahm ihr Filofax aus ihrer Birkin Bag und schrieb dazu eine Notiz hinein.

Um die Aktion zu befördern, wäre es natürlich notwendig, dass die Medien von ihrem Schicksalsschlag berichteten. Selbst konnte sie es ja schlecht erwähnen, es wäre unangemessen. Vielleicht ein kurzes Interview am Krankenbett ihres Sohnes. Eigentlich recht bald, bevor man ihn aus dem Koma erwecken würde. Die vielen Maschinen im Hintergrund sahen beeindruckend aus. Allerdings waren die Einwegkleidung und die Schuhüberzieher aus blauem Plastik schwierig. Trotzdem. Die Journalistin würde sie als Freundin ausgeben – die Krankenschwestern würden nicht einmal merken, dass ein Interview stattfand.

Vor dem Hintergrund dieser persönlichen Tragödie könnte kein Prominenter seine Teilnahme an dem Event abschlagen. Sie notierte ein paar Namen, die bisher immer widerspenstig waren und bei denen sie jetzt einen größeren Hebel hatte. Zufrieden klappte sie das Filofax zu und schaute fast zärtlich zu Alexander.

Eigentlich kannte sie ihren Sohn nur sehr wenig. Wer hätte gedacht, dass er sich an einer unangemeldeten und auch noch gewalttätigen Demonstration beteiligen würde. Bisher hatte sie nie den Eindruck gehabt, dass er sich für irgendetwas engagieren würde. Er war oft zu weich und ließ sich bereitwillig bei allem einspannen. Natürlich fand sie es toll, dass sie bei Events auf ihn zählen konnte. Aber noch lieber wäre es für sie, wenn er unangepasster wäre und eigene Positionen vertreten würde. Sie musste herausfinden, was der Hintergrund der Demo gewesen war. Vielleicht könnte sie sein Anliegen mit einem Event unterstützen.

Sie schaute auf die Uhr und stellte fest, dass sie auf der Stelle los musste. Charity Lady war ein harter Job, aber jemand musste ihn erledigen.

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