(50) Der Moment für das Foto des Tages war gekommen.

von Alain Fux

Der Moment für das Foto des Tages war gekommen. Katja stand an der Kasse des Friseursalons und fertigte die Vorgängerin von Frau Keitel ab. Gerlinde Keitel beugte sich nach vorne, legte ihre Zeitschrift auf die Ablage unter dem Spiegel und ergriff ihre Handtasche. Sie nahm ihre Digitalkamera (Casio QV-R61) heraus und setzte die Handtasche neben den Friseurstuhl auf den Boden. Sie schaltete die Kamera ein und suchte auf dem Display einen geeigneten Bildausschnitt.

Ihr Enkel Daniel hatte ihr die Kamera vor zwei Jahren geschenkt und seitdem ging sie nie ohne den Fotoapparat aus dem Haus. Sie hatte sich vorgenommen, jeden Tag immer nur genau ein Foto zu schießen. Dabei überlegte sie sich vorher ganz genau, was sie fotografieren wollte. Es war Teil ihrer Tagesroutine geworden.

Folgende Sujets gab es beispielsweise in ihrer Sammlung: Iskender, der freundliche Gemüsehändler, beim Abwägen von zwei Bund Spargel. Frau Keitels Nachbarin Frau Barthel bei einem Schwatz mit Herrn Rodemann, dem Postboten. Metzgermeister Heinzelmann beim Messerwetzen. Herr Kortz beim Gassigehen mit seinem Mops Ralf. Apotheker Buchbinder, wie immer geistesabwesend hinter dem Verkaufstresen. Pfarrer Gondorf, bevor er die Kirche verließ und sich als Trauerredner selbständig machte. Herr und Frau Fendler schauen ihrem Sohn Theo zu, der ihren Umzug organisierte. Von ihrer Familie hatte Frau Keitel nur ein einziges Foto geschossen, ihren Enkel beim Rasenmähen. Ihre Familie fand sie insgesamt langweilig.

Frau Keitel hatte jetzt einen Blickwinkel gefunden, bei dem sie unter Mithilfe des Spiegels den Friseursalon fast vollständig erfassen konnte. Darauf zu sehen war auch Katja an der Kasse. Gerade kam Frau Artmann herein. Schnell drückte Frau Keitel auf den Auslöser und betrachtete das fertige Bild. Sie war zufrieden mit dem Foto, ließ die Kamera in die Handtasche gleiten und stellte die Handtasche wieder vor den Spiegel. Sie grüßte Frau Artmann, die ihren Mantel an der Garderobe hinter ihr aufhängte und vertiefte sich wieder in ihre Zeitschrift.

Auf einer Seite war ein Bild von einer Demo abgedruckt, bei der ein Polizist einem jungen Mann mit einem Knüppel auf den Kopf schlug. Der junge Mann hatte ein schmerzverzerrtes Gesicht und seine Brille flog ihm von der Nase. Frau Keitel blätterte schnell weiter.

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