Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: April, 2016

(72) Franziska Bach stemmte sich mit den Schultern gegen die Rückenlehne des Fahrersitzes…

Franziska Bach stemmte sich mit den Schultern gegen die Rückenlehne des Fahrersitzes, hob den Hintern an und zog das Bündel mit den Steaks aus ihrer Unterhose. Das Fleisch fühlte sich warm an hinter der spiegelnden Glätte der Folie. Sie legte ihre Beute auf den Beifahrersitz und ließ den Motor an. Bis Holger von seiner Schicht zurück war, würde sie zu Hause sein und sein Steak zubereitet haben. Als sie vom Parkplatz auf die Straße bog, baute sich das Adrenalin in ihrem Körper ab. Sie lächelte sich im Rückspiegel an.

Ab und zu brauchte sie einen Kick in ihrem Leben. Nachdem sie Jogging, Pilates und Yoga versucht und für langweilig befunden hatte, war sie dem Ladendiebstahl verfallen. Die Idee war ihr gekommen, als sie eines Nachmittags ‚Frühstück bei Tiffany‘ im Fernsehen sah. Danach war sie zu einer Drogerie gefahren und hatte beim Durchstöbern ‚versehentlich‘ (darauf hatte sie sich für alle Fälle bereits mental vorbereitet) eine Flasche ihres Lieblingsparfüms in die Handtasche gesteckt. Sie war sehr aufgeregt gewesen und hatte am ganzen Körper geschwitzt. Sie erwartete, dass die Kassiererin sie entlarven würde und war schon drauf und dran, ungefragt das Fläschchen auf das Laufband zu legen. Aber sie hielt durch und die Kassiererin hatte nichts bemerkt, so wie die anderen Menschen im Laden. Aber als sie wieder draußen vor der Tür stand, fühlte sie sich wie neu geboren, oder wie nach einem unendlich langen Orgasmus.

Seitdem ging sie ’shoppen‘, wie sie es nannte, wann immer ihr langweilig war. Parfüm machte ihr dabei genau so viel Freude wie Fleisch, Alkohol oder ein Mörser. Es kam immer nur auf die Gefahr des Entdecktwerdens an. Obwohl bisher alles glatt gelaufen war und sie noch nie von einem Ladendetektiv angehalten worden war, war sie immer noch sehr vorsichtig. Sie brauchte den Kick, aber sie war nicht leichtsinnig.

Einmal wäre sie fast erwischt worden mit einem Bündel Socken für Holger, aber sie hatte die Anwesenheit des Detektivs hinter ihr gespürt und das Bündel in ein Regal zwischen die Müllbeutel gelegt. Niemand hatte sie angehalten. Eine Entdeckung wäre ihr sehr unangenehm gewesen. Auch wegen Holger. Immer wieder versuchte sie auch andere Beschäftigungen, aber nichts gab ihr mehr Schwung als Ladendiebstahl. Sie musste halt nur vorsichtig sein und sich nicht erwischen lassen. Als sie in die Einfahrt einbog, sah sie, dass Holger schon zu Hause war.

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(71) Die Frau an der Kühltheke benahm sich seltsam.

Die Frau an der Kühltheke benahm sich seltsam. Böhm konnte nicht sagen warum, es war zuerst nur ein Gefühl aus vielen Jahren Erfahrung. Er zoomte die Überwachungskamera heran. Sie stand bei den Steaks und hielt zwei oder drei in Plastikfolie abgepackte Steaks in der Hand. Die Frau trug ein pastellfarbenes Kostüm und eine Perlenkette. Gute Figur, sehr adrett. Sie sah nicht aus wie jemand, der es sich zweimal überlegen musste, ob er sich die Steaks leisten konnte oder nicht.

Sie schaute nach rechts und links. Böhm schaltete routinemäßig den zusätzlichen Videorekorder ein, der ihm einen schnellen Zugriff erlaubte. Kaum lief das Band, da sah er wie die Frau das Fleisch unter den Arm klemmte, mit einer Hand den Rock hob, mit der anderen Strumpfhose und Unterhose herunterzog, die verpackten Steaks in die Unterhose platzierte und mit der Strumpfhose wieder nach oben zog. Sie glättete den Rock und schaute sich noch einmal um. Böhm blieb der Mund offen stehen. Er sah sich um, aber er war gerade alleine im Raum und konnte seine Beobachtung mit niemand teilen.

Die Frau ging jetzt den Gang hinunter in Richtung Hülsenfrüchte. Böhm verfolgte sie, wechselte dabei immer die Überwachungskameras. Er zoomt auf ihr Gesicht. Es zeigte eine Mischung von Aufgeregtheit und Erregung. Es sah aus, als ob es ihr Freude bereiten würde, mit einem Pfund Fleisch in der Unterhose in dem Supermarkt zu gehen. Während er ihr dabei zusah, wie sie sich in Richtung der Kassen bewegte, merkte er, dass er selbst erregt war. Er stellte sich das Fleisch unter der dünnen Folie direkt an ihrem Genital vor. Wie es beim Gehen daran rieb. Ihm wurde heiß. Er müsste jetzt die Kollegen an der Kasse informieren, damit sie die Kundin abfangen konnten. Stattdessen drückte er auf den Stoppknopf des Videorekorders und spulte das Band wieder zurück. Er zoomte der Kundin auf den Schritt. Man konnte nichts erkennen, sie würde ohne Probleme durch die Kasse gehen können. Sie war jetzt im Kassenbereich angekommen und musste in einer kurzen Schlange warten, obwohl sie keine weiteren Einkäufe hatte. Böhm zoomte auf ihr Gesicht. Sie sah sehr nett aus. Als sie, es muss ein Zufall gewesen sein, direkt auf die Überwachungskamera blickte, hatte er den Eindruck, dass sie genau ihn ansah. Als ob sich ihre Blicke für ein paar Sekunden kreuzen würden. Dann ging sie zügig durch die Kasse, grüßte die Kassiererin dabei. Böhm überlegte kurz, ob er schnell zu ihr hinlaufen sollte, um sie selbst zu stellen. Doch dann folgte er ihr nur weiter mit der Videokamera und verlor sie in dem großen Gedränge am Ausgang zu den Parkhäusern.

(70) Er hätte sein Namensschild abnehmen sollen.

Er hätte sein Namensschild abnehmen sollen. Oder verdecken. Arme verschränken, Tasche davor halten, irgendwas. Was ist, wenn sie sich beschwerte? Firma war ja sichtbar. Protect Security. Würde eine Abmahnung geben. Wegen so einem Blödsinn. Gummipuppe. Hatte sie sich das ausgedacht? Unwahrscheinlich. Die schrägsten Geschichten sind wahr. Überhaupt Namensschild. Wenn nicht im Dienst ist es nicht notwendig. Nachher daran denken. Morgen. Ohne Schild im Dienst gibt auch eine Abmahnung. Immer die Angst vor den Abmahnungen. Als ob das ein Traumjob sei. Eingeschränkt von allen Seiten.

Dr. Mantel drückte Böhms Kopf noch etwas mehr zur Seite und führte den kühlen Trichter des Otoskops in sein Ohr. Böhm spürte, wie der HNO-Arzt auch ein schlankes, ebenfalls kühles Besteck einführte. Als wollte er ein Schloss in meinem Kopf knacken, dachte Böhm. Wie eins der vielen Schlösser, die er auf seinen Kontrollgängen überprüfen musste. Immer der gleiche Trott. Kaum hatte er die Tür, das Fenster oder den Rollladen überprüft, war die Mühe schon vergeblich gewesen, denn jemand könnte es ja mittlerweile geöffnet haben. Daher der nächste Rundgang und der nächste und so weiter. Er hatte mal einen Artikel über Zwangsneurosen gesehen. Leute, die immer alles mehrfach überprüfen mussten. Gas aus, Licht aus, Tür zu. Das war der Inhalt seines Jobs. Checken und überprüfen an einem Stück.

Dr. Mantel hatte jetzt ein paar Tropfen Flüssigkeit in den Gehörgang geträufelt und schien auf dessen Wirkung zu warten. Saß einfach nur da, als ob jemand den Aus-Knopf gedrückt hatte. Dann nahm er wieder das Otoskop und die Sonde auf. Dann zog er etwas aus Böhms Ohr. Als ob er einen Filzstopfen herausgezogen hätte, fühlte es sich für Böhm an. Es war als ob er viele Winde hören würde, die an ihm vorbeirauschten. „Es war ein gehöriger Wachspfropfen, den Sie ganz dicht am Trommelfell hatten. Jetzt müssten Sie wieder die Mäuse im Gebälk hören.“ Böhm bestätigte es lächelnd. Er war erleichtert, dass sein Gehör wieder intakt war.

Dr. Mantel wiederholte die Prozedur am linken Ohr, das aber weniger befallen war. Böhm sagte, dass es sich anhörte, als ob er am Meer stünde und der Brandung zuhörte. Dr. Mantel war bereits dabei, die Instrumente zu sortieren und sagte beiläufig, das sei normal und würde sich nach ein paar Minuten wieder legen. Er stand auf und reichte Böhm die Hand zum Abschied. Dann war er auch schon mit seiner Sprechstundenhilfe aus dem Behandlungszimmer gerauscht. Böhm hörte, wie er nebenan den nächsten Patienten begrüßte.

(69) Arnold Böhm blieb stehen und hielt sich das rechte Ohr zu.

Arnold Böhm blieb stehen und hielt sich das rechte Ohr zu. Er lauschte und nahm die abdeckende Hand weg. Er lauschte wieder und wiederholte den Vorgang nochmals mit dem anderen Ohr. Es war eindeutig, er hörte das Vogelgezwitscher wesentlich schlechter auf dem rechten Ohr. Böhm arbeitete als Sicherheitsmann in einem Einkaufszentrum und befand sich auf dem Weg zur Arbeit. Vorher wollte er sich bei einem HNO-Arzt durchchecken lassen. Gutes Hören war in seinem Beruf eine Voraussetzung – ein Hörgerät keine Alternative.

Er kam an einer Parkbank vorbei, auf der Dana Friedrich saß und schluchzend weinte. Böhm blieb neben ihr stehen und räusperte sich. „Kann ich etwas für sie tun?“

Sie schaute mit verheulten Augen zu ihm hoch. Böhm trug schon seine Uniform und sah vertrauenerweckend aus. Er sah auf die Uhr, er hatte noch Zeit bis zu seinem Arzttermin. Sie schüttelte den Kopf und weinte weiter mit zuckenden Schultern. Er ging vor ihr in die Hocke. „Ist etwas passiert?“ Sie öffnete sich erst nicht weiter und er bereute es, stehen geblieben zu sein. Aber jetzt konnte er nicht einfach weg. Irgendwann hatte seine ruhige Stimme eine Wirkung auf sie. Sie erzählte ihm, dass sie gerade erfahren habe, dass ihr Mann sie betrüge. Böhm war schon seit 13 Jahren geschieden, „glücklich geschieden“, wie er meistens hinzufügte. Sein Mitleid mit der Unbekannten nahm ab. Aber jetzt war sie im Erzählmodus und konnte nicht so leicht gestoppt werden. Er schaute wieder auf die Uhr und setzte sich neben sie auf die Bank. Sie berichtete von dem Hausmeister, dem Schlüsselbund und ihrem Besuch in der Wohnung. „Warten Sie“, unterbrach sie Böhm. „Habe ich das richtig verstanden? Ihr Mann betrügt Sie mit einer Gummipuppe, für die er eigens eine Wohnung angemietet hat?“ Ungläubig schaute er sie von der Seite an. Sie nickte. Dann hielt es ihn nicht mehr. Er musste laut heraus prusten und wiederholte: „Eine eigene Wohnung für die Gummipuppe…“ Ihr Gesicht versteinerte und sie hörte mit Schluchzen auf. „Gehen Sie jetzt. Ich möchte allein sein. Gehen Sie.“ Böhm stand auf. „Verstehen Sie mich nicht falsch. Es tut mir Leid für Sie. Aber eine Gummipuppe!?“ Er schüttelte den Kopf. „Hey, wissen Sie was? Vielleicht wollen Sie sich ja mal an Ihrem Mann rächen. Und zwar nicht mit einem Gummikerl. Ich komme jeden Tag um diese Zeit hier vorbei. Vielleicht kann ich Ihnen ja mal etwas Gutes tun. Keine Fragen. Sehr diskret. Nichts für Ungut. Ist ja nur ein Angebot. Ich finde Sie wirklich Spitzenklasse. Ihr Mann hat sie nicht verdient, ehrlich.“

(68) Die Hausnummer stimmte.

Die Hausnummer stimmte. Dana steckte den Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür. Er passte! Sie war zwar auf dem richtigen Weg, aber wollte sie ihn auch bis ans Ende beschreiten? Roman verhielt sich ihr gegenüber bereits seit einiger Zeit abweisend. Sie hatte es auf seine anstrengenden Geschäfte zurückgeführt. Die Künstler, mit denen er sich beschäftigen musste, waren wirklich anstrengend. Manche waren lebensuntüchtig oder komplett durchgeknallt. Deshalb hatte sie es auch abgelehnt, bei Abendessen, Ausstellungseröffnungen oder dergleichen dabei zu sein. Sie fühlte sich danach immer ausgezehrt und erniedrigt.

Am Tag vorher hatte sie zuhause einen seltsamen Anruf entgegen genommen. Ein Hausmeister wollte mit Roman sprechen. Es sei wegen der Wohnung in der Einwaldstr. 199. Dana wusste nichts von dieser Wohnung. Sie befragte Roman. Ihr Mann gab vor, auch nichts davon zu wissen.

Seine Reaktion schien ihr seltsam. Sie durchsuchte seinen Schreibtisch zuhause und fand einen Wohnungsschlüssel, den sie nicht kannte. Schon jetzt fühlte sie sich betrogen. Am nächsten Tag fuhr sie in die Einwaldstr. Das Haus lag in einer Wohngegend, angenehm, wenn auch nicht wohlhabend. Der Schlüssel hatte gepasst. Sie schaute auf die Klingelleiste. An einem Klingelschild stand nur ‚3B‘, genau wie auf dem Schlüssel. Sie drückte den Knopf. Nichts passierte, die Gegensprechanlage blieb stumm. Dana ging ins Haus und stieg die drei Treppen zu Fuß hoch. Sie schloss die Wohnung auf und öffnete die Tür einen Spalt. Sie klopfte. Nichts geschah. Dann ging sie hinein und zog die Tür hinter sich zu.

In der Wohnung war es sehr still. Sie konnte kaum den Verkehrslärm ausmachen. Die Wohnung war wenig möbliert, nur das Nötigste stand darin. Die Wände im Eingangsbereich waren in einem ekelhaften Grünton gestrichen. Im Wohnzimmer standen zwei Weingläser auf dem Couchtisch, eines war leer, das andere halb gefüllt. Auf dem Sofa entdeckte sie ein rotes Spitzenhöschen. Dana starrte angeekelt darauf. Die Küche war sauber und schien kaum genutzt zu sein. Ebenso das Bad, dessen Tür sie mit dem Fuß aufschob. Dana fiel auf, dass keine Schmink- oder Pflegemittel darin standen. Hier wohnte niemand. Es war eine Wohnung für den schnellen Fick. Vielleicht mit dieser Studentin, die ihm in der Galerie half und die sie vom ersten Augenblick an im Verdacht hatte. Sie ging weiter ins Schlafzimmer und blieb abrupt in der Tür stehen. Unter der Bettdecke zeichnete sich eine menschliche Form ab. „Hallo?“, fragte sie laut. Keine Antwort. Entschlossen trat sie an das Bett und riss die Decke herunter. Ein Schrei entfuhr ihr, als sie in Coralies kalte Augen schaute. Der Mund der Puppe war leicht geöffnet, ihre rosaroten Nippel schienen auf Dana zu zeigen. Breitbeinig lag sie im Bett und zeigte ihre haarlose Scham. Dana ließ den Schlüsselbund, den sie immer noch in der Hand hielt, fallen und flüchtete aus der Wohnung.

(67) Als Roman Friedrich von seinem Mittagessen mit einem Kurator zurückkehrte…

Als Roman Friedrich von seinem Mittagessen mit einem Kurator zurückkehrte, stand die große Kiste aus ungehobelten Brettern in seinem Büro. Absender ‚Simulacrum‘. Er sagte Chiara, dass er nicht gestört werden wollte und verschloss seine Bürotür. Mit einem Brecheisen hebelte er die Front ab. Da saß sie auf einem schlichten, in die Kiste eingelassenen Holzbrett und schaute ihn an. Ihr Blick traf ihn tief im Innern. Später musste er sich selbst zugeben, dass sein Zusammentreffen mit Coralie intensiver war, als sein erstes Treffen mit Dana, seiner Ehefrau. Er musste sich erst einmal auf seinen Bürostuhl setzen und so starrten sie sich gegenseitig an. Coralie war nackt, bis auf einen BH und eine duftige Unterhose. An den Seiten war sie mit Schaumstoff geschützt. Sie sah sehr verletzlich aus. Nach einiger Zeit hatte Roman eine Besprechung und musste die Kiste wieder zunageln.

Am nächsten Tag nahm er sich die Zeit, sie noch einmal anzuschauen. So entwickelte sich zwischen Roman und Coralie eine Beziehung im Wechsel zwischen Brecheisen und Hammer. Bald schon wollte er mehr Zeit mit ihr verbringen, sie aus der Kiste holen und auf seinen Schoß setzen. Deshalb gab es nur eine Möglichkeit: er brauchte eine Wohnung, eigens für Coralie und ihn.

Roman wählte ein kleines Zwei-Zimmer-Apartment, das er minimalistisch aber geschmackvoll einrichtete. Es war ein feierlicher Moment, als er sie endlich aus der Kiste heben durfte. Ihre Haut fühlte sich aufregend an und Roman war verlegen, als er ihre Geschlechtsorgane aus der Nähe untersuchte. Später, als Coralie auf dem Sofa saß und er die Holzkiste in den Sperrmüll gegeben hatte, wurde ihm bewusst, dass er damit eine längerfristige Beziehung eingegangen war – es gab für Coralie kein Zurück mehr in die Kiste.

Er besuchte sie fast an jedem Tag der Woche auf seinem Weg von der Galerie nach Hause. Dana war seit kurzem schwanger und fühlte sich von ihm vernachlässigt. Nachdem er sich ihre Sicht der Dinge sehr gut vorstellen konnte, fühlte er sich erst recht wie ein wahrer Betrüger. Das daraus resultierende schlechte Gewissen hielt ihn aber noch mehr davon ab, mehr Zeit mit Dana zu verbringen. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. Natürlich verschlimmerte dies die Situation um ein Vielfaches.

Dann gab es dieses unsägliche Gespräch, als Dana die Wahrheit herausgefunden hatte. Im Anschluss daran ergänzte er Coralies Wohnungseinrichtung, zog bei Dana aus und bei Coralie ein. Es war für ihn die einzig richtige Konsequenz.

(66) In den letzten Monaten hatte Roman überlegt, wie er endlich mit Kessler Geld verdienen konnte.

In den letzten Monaten hatte Roman überlegt, wie er endlich mit Kessler Geld verdienen konnte. Die Lösung waren Multiples. Es musste etwas geben, das man in größerer Stückzahl verkaufen konnte. Kessler hatte ihm jetzt unwissentlich auf die Sprünge geholfen: man würde Eng und Chang oder wie die beiden Clowns heute hießen, nicht miteinander vernähen. Sondern man würde eine Form von ihnen erstellen und davon Abgüsse in Kunststoff herstellen, um sie an reiche Privatleute zu verkaufen. Duane Hanson auf Steroiden. So musste es gehen.

Er bat Chiara ihm Kontaktdaten von Plastikspritzgießern heraus zu suchen. Am nächsten Tag lag eine Kladde mit Details auf seinem Schreibtisch. Er überflog die Liste. Niemand in Europa oder USA. Niemand der bereits Erfahrung mit Kunst hatte. Sein Zeigefinger stoppte bei Malaysia. Teck See Plastic. Er griff wieder nach dem Telefonhörer und wählte die angegebene Nummer. Nachdem er fünfmal weiterverbunden worden war, kam Friedrich zu dem Entschluss, dass das Unternehmen nicht geeignet war.

Er legte auf und ergriff wieder die Kladde. Vielleicht doch eher ein Unternehmen aus dem Westen, aber keines mit Bezug zur Kunst. Sein Fingernagel kerbte das Papier unterhalb von ‚Simulacrum – Tactile Simulation Products‘ ein. Chiara hatte daneben ‚Porno‘ geschrieben. Neugierig schaute Roman im Internet nach. Simulacrum stellte realistisch aussehende Sexpuppen aus Silikon her. Die auf den Fotos dargestellten Exemplare sahen wirklich sehr natürlich aus. Wenn Simulacrum in der Lage war, realistische Sexpuppen herzustellen, dann müsste das Unternehmen es auch schaffen, Enno und Burk aka Eng und Chang in zusammengenähter Ausführung herzustellen. Die Preise waren recht hoch, allerdings gäbe es bei einer größeren Menge bestimmt Rabatte. Außerdem konnte man hier natürlich auf die Körperöffnungen und die damit verbundenen Zusatznutzen verzichten. Er würde Kessler nicht erzählen, wo die Multiples hergestellt wurden. Alteingesessener Handwerksbetrieb. Spezialisiert auf Kirchenmadonnen. Vermittelt von Maurizio Cattelan. Roman lächelte, zensierte den Gedanken aber gleich wieder. Dieser Scherz würde seinen Plan bei Kessler garantiert scheitern lassen. Roman wählte die Nummer, erwähnte das Wort „Kunst“ und wurde mit einem Mann verbunden, der ihm zuhörte, die richtigen Fragen stellte und sich bereit erklärte, eine Vertraulichkeitserklärung zu unterschreiben. Der Mann sagte zu, Roman ein Muster in die Galerie zu schicken. Ein echter Dienstleister. Roman war zufrieden.

(65) Roman, ich brauche einen Chirurgen!

„Roman, ich brauche einen Chirurgen!“ Roman Friedrich rollte mit den Augen und setzte sich erst einmal, bevor er in den Hörer sprach. „Herz-, Unfall- oder Kosmetische Chirurgie?“ – „Weiß nicht genau“, meinte Kurt Kessler. „Ich habe die Ausstellung jetzt perfekt. Alles läuft. Das Schwefelzimmer ist fantastisch – keiner darf rein. Der Teer schnurrt jetzt durch die Pumpe wie nichts. Und für den großen Raum habe ich ein tolles Readymade, das ich zu einer Performance ausbauen möchte. Hör zu.“

Kurt Kessler berichtete dem Galeristen, der in seinem Büro im Schreibtischsessel versunken war, von seinem Plan. „Zwei Typen, Typus Dorftrottel, sitzen nebeneinander auf ihren Aufsitzmähmaschinen und singen. Jeden Tag, um Punkt 12 Uhr, arbeitet ein Chirurg an ihnen. Jeden Tag werden sie an den Seiten ein bisschen mehr miteinander vernäht. Am Ende der Ausstellung sind sie siamesische Zwillinge und nennen sich zu Ehren ihrer Vorgänger um in Eng und Chang Bunker. Gleichzeitig arbeitet ein Schmied an den Aufsitzmähern und verbindet sie ebenfalls durch Streben oder sowas. Das ist ein echtes Rectified Readymade, im Sinne von Duchamps. Das ist ein Knüller. Und das absolut Obergeile an der Sache: Ich habe die beiden schon gefunden. Sie und die Rasenmäher. Komm, Roman, sag es, ich bin ein Genie.“

Roman antwortete ohne zu zögern: „Du bist ein Genie, Kurt. Das ist fantastisch. Hast Du mit den beiden schon einen Vertrag unterschrieben? Sind sie vertraut mit dem gesamten Plan?“ – „Klar, alles schon besprochen. Ein paar kleine Details stehen noch aus. Aber sie sind begeistert. Ein echter Knüller, Roman. Endlich merke ich, welch bahnbrechende Energie ich mobilisieren kann. Es ist so, als ob ich der Welt mein dickes Ding hinten reinstecken würde und die Welt stöhnt wollüstig.“ Friedrich räusperte sich. „Wow, Roman, das kann ich verstehen, das muss ein großes Gefühl sein. Mann, die ganze Welt… Spitze!“ – „Also, Du besorgst mir einen Feldscher, ja? Das ist der Hammer!“

Der Künstler legte auf. Roman auch. Kurt war einfach zu schnell hoch gekommen. Er hatte das Maß der Dinge verloren. Solange es für die Sammler in Ordnung war, hatte Roman nichts einzuwenden. Aber die Kunst von Kurt Kessler hatte sich in eine Richtung entwickelt, die die wirtschaftliche Seite der Arbeit in Frage stellte. Wer will einen 5-Meter hohen Teertropf kaufen? Wie sollte er jemand einen Haufen Rohschwefel andrehen, den niemand ansehen durfte, weil es zu gefährlich war? Wie sollte er zwei lebende, aber miteinander vernähte Personen vermarkten?

(64) Ein schwarzer, mattlackierter Hummer H3x hielt hinter den Traktoren…

Ein schwarzer, mattlackierter Hummer H3x hielt hinter den Traktoren und hupte mehrmals durchdringend. Da Enno und Burk nur mit den Schultern zuckten, stieg der Fahrer aus. Ein großer, schmaler, kahlrasierter Mann, in Jeans. Sie erklärten ihm das Problem. Er zeigte auf das Schild an der Wand: ‚Reserviert für Kurt Kessler, Künstler‘ und stellte sich vor: „Ich bin Kurt Kessler und morgen eröffnet in dem Museumshangar hier hinter Euch meine große Ausstellung. Wisst Ihr was, Ihr geht jetzt mit und wir schauen uns gemeinsam an, wie der Stand ist.“

Ein Assistent Kesslers musste sich um die Traktoren und den Hummer kümmern. Die anderen drei betraten den Hangar durch den Hintereingang. Ein weiterer Pulk von Assistenten wartete drinnen und begleitete den Meister auf seinem Rundgang.

Sie kamen zuerst in einen Raum mit dicken, mattschwarz lackierten Rohren, die kreuz und quer durch den Raum verliefen. Man musste sich bücken, um darunter durch zu gehen. Kessler wollte, dass noch mehr Rohre verlegt werden sollten. „Viel mehr Rohre. Ich will, dass man hier reinkommt und sagt: ‚Boah, hier sind ja Unmengen von Rohren!‘ Verstanden? Ich will mindestens doppelt so viele Rohre. Alles klar?“

Sie kamen zu einer geschlossenen Tür, auf der ein großer, feuerroter Aufkleber prangte: ‚Feuerpolizeilich geschlossen.‘ Kessler erklärte Enno und Burk, dass dahinter ein großer Haufen mit 257 kg reinem Schwefel lag. Im Katalog sei das alles erklärt. Er hatte damit gerechnet, dass die Feuerwehr diesen Raum sperren würde, das gehörte zur Installation. „So was kann man sich nicht ausdenken“, bemerkte er.

Im nächsten Raum stand ein schwarzes Fass, aus dem ein Rohr kam, durch eine Pumpe führte und dann fünf Meter hoch bis zur Hallendecke führte. Oben konnte man einen altmodischen Duschkopf erkennen. Darunter, auf dem Hallenboden, ein paar zerplatzte Tropfen Teer. Kessler konferierte intensiv mit seinen Leuten und befand, dass eine Art Heizdecke unter das Fass zu legen sei, damit der Teer flüssig genug werden könne, um zu dem Düsenkopf gepumpt zu werden. „Wenn man sich nicht selbst um alles kümmert“, meinte er kopfschüttelnd zu Enno und Burk.

Sie kamen in einen leeren Raum. „Jetzt wird es spannend, denn hier fehlt noch was“, stellte Kessler fest. „Freunde, was habt Ihr denn in den nächsten drei Wochen vor“, fragte er Enno und Burk. Die beiden schauten sich an, zuckten mit den Schultern und gaben mit ihren heruntergezogenen Mundwinkeln zu verstehen, dass es keine besondere Pläne gab und sie Vorschlägen gegenüber aufgeschlossen sein würden. „Perfekt. Ihr werdet hier in diesem Raum auf euren Traktoren sitzen. Das ist das i-Tüpfelchen der Ausstellung. Lebende Ready-Mades. Außerdem ist dann auch mein Parkplatz wieder frei. Könnt Ihr singen? Nein? Umso besser, dann braucht Ihr Euch nicht zu verstellen. Kennt Ihr ‚Underneath the Arches‘? Ein tolles Lied.“ Er wandte sich ab und schrie zur Hangardecke hinauf: „Manchmal könnte ich vor mir selbst auf die Knie gehen!“

(63) Es war nicht das erste Mal, dass Enno und Burk aus dem Two-Swinging-Poles hinausgeworfen wurden.

Es war nicht das erste Mal, dass Enno und Burk aus dem Two-Swinging-Poles hinausgeworfen wurden. Eigentlich war es schon zu einem Ritual geworden, jedes Mal, wenn eine neue Pole-Tänzerin ihr Debüt hatte. Nach dem Rauswurf setzten sie sich immer auf ihre Mähtraktoren und fuhren zu ihrem Lieblingsduellplatz. Burk lächelte höhnisch, als Ennos Briggs & Stratton nicht ansprang. Als sein Kawasaki ebenfalls versagte, machte er ein dummes Gesicht. Die beiden mühten sich ab, mussten aber einsehen, dass ihre Traktoren nicht mehr anspringen wollten.

„Es ist ein Zeichen“, sagte Enno. Burk ließ die Hände vom Zündschlüssel sinken und schaute ihn an. „Es kann so nicht weitergehen. Das ist ein Zeichen“, wiederholte Enno. Dabei schaute er Burk fragend an. Burk suchte nach einer Antwort. Schließlich sagte er: „Du hast recht. Es langweilt mich zu Tode. Jedes Mal wieder, wenn wir eine neue Frau sehen, das ganze Ritual durchzumachen und immer wieder zu kämpfen. Warum ist es nur dazu gekommen?“ Enno nahm seinen Helm ab und legte ihn auf den Traktor. „Wir haben uns zu sehr hineingesteigert. Wir glauben, dass es von der Welt so verlangt wird und wir geben, was man von uns erwartet.“ Burk hatte ebenfalls seinen Helm abgelegt und stand auf. Er lehnte sich gegen den Traktor. „Du hast Recht. Wir tun das nicht, weil wir es tun wollen. Sondern weil wir glauben, dass wir es tun müssen.“ – „Wahrscheinlich stimmt das nicht. Es würde wahrscheinlich keinem auffallen, wenn wir etwas anderes täten, anstatt uns zu duellieren.“ Burk kratzte sich am Kinn. „Aber was könnten wir sonst in unserem Leben machen? Das Duellieren ist ein so wichtiger Bestandteil unserer Existenz geworden. Ich wüsste nicht, was ich stattdessen machen sollte. Du?“, fragte er Enno. „Wir brauchen ein neues Ziel. Und es darf nichts mit Frauen zu tun haben, denn sonst ist die Gefahr groß, dass wir wieder in alte Verhaltensmuster fallen.“ Sie starrten grübelnd auf den staubigen Boden. „Was ist mit den Traktoren?“, fragte Burk. „Ich denke, die müssen wir in unsere Zukunftspläne mit einbauen. Wir können es uns nicht leisten, andere Fahrzeuge anzuschaffen.“ – „Nein, dazu sind wir zu sehr pleite. Außerdem würde keiner uns die alten Traktoren abkaufen. Niemand schert sich doch darum, ob der Rasen gemäht wird oder nicht.“ – „Wenn wir nur jemanden um Rat fragen könnten. Aber mir fällt keiner ein. Die könnten sich auch nicht vorstellen, dass wir etwas anderes machen, als Frauen anzugraben und Duelle auszufechten.“