(42) „Mama?“ Roddy spähte den Gang zwischen den Koben hinunter.

von Alain Fux

„Mama?“ Roddy spähte den Gang zwischen den Koben hinunter. Die Kühe wandten ihm in einer gemeinsamen Bewegung die Köpfe zu und starrten ihn mit ihren großen Augen an. Kühe machten Roddy Angst. „Wir sind Bauern und produzieren aus Kuhmilch Käse“, hatte sein Vater gesagt, „wir haben keine Angst vor Kühen.“ Für Roddy war das nur ein weiterer Beweis, dass er kein Bauer war.

„Mama?“ Er versuchte es noch einmal. Sie musste hier sein. Aber der Stall war groß und die Ketten, mit denen die Kühe angebunden waren, klirrten laut. Roddys Stimme war zu leise. Er wagte sich einen Schritt nach vorne und versuchte seine Mutter zu erspähen. Er glaubte hinten rechts durch das Geklirre hindurch das Geräusch eines Besens zu hören. Oder war es nur ein Kuhschwanz. Er ging noch weiter vor und stellte sich auf die Zehenspitzen, dann ging er in die Knie, um unter den Kühen durch zu spähen.

Während er krampfhaft nach seiner Mutter suchte, hatte er sich weiter in den Stallgang gewagt und war einer Kuh sehr nahe gekommen. Plötzlich spürte er ihre raue Zunge in seinem Gesicht. Er schrie auf, war aber wie gelähmt. Wieder leckte die Kuh sein Gesicht ab. An der Oberfläche war die Zunge schleimig, darunter muskulös und rau. Roddy sprang hoch. Die Kühe wurden dadurch unruhig und zerrten an ihren Ketten. Er wollte weglaufen, aber in beiden Richtungen reckten sich ihm riesige Kuhköpfe entgegen. Er wandte sich um, hinter ihm ging eine Leiter hoch auf den Heuboden über dem Kuhstall. Schnell kletterte er hoch. Henrietta McKay, die ihn jetzt gehört und gesehen hatte, musste lachen, eilte aber selbst zur Leiter und stieg ihm nach. Roddy sollte später den Hof übernehmen und er durfte einfach keine Angst vor Kühen haben.

Als sie gerade ihre Schultern durch die enge Öffnung im Heuboden zwängte, schrie Roddy wieder, diesmal noch panischer. Als sie endlich auf dem Heuboden stand, sah sie zuerst ihren Sohn, der, immer noch schreiend, nach oben schaute. Sie folgte seinem Blick und sah Rupert über sich baumeln. Er hatte sich mit einem Kuhseil an einem Dachbalken aufgehängt. Henrietta wusste nicht, wie lange sie mit Roddy dastand und zu Rupert empor starrte, als sei er Christus am Kreuz. Irgendwann ergriff sie Roddy und lotste ihn nach unten. An den Kühen vorbei nahm sie ihn an der Hand. ‚Das war’s‘, dachte sie und sah in einem Augenblick die Zukunft vor sich. Roddy war nicht für den Hof gemacht. Er würde studieren und danach nicht wieder zurückkehren. Sie würde bis zu ihrem Lebensende alleine den Hof bewirtschaften. Und hätte Rod sich irgendwann in seinem Leben einer Psychotherapie unterzogen, wäre ihm aufgegangen, dass dies der Grund war, warum er keine engen Gänge und Treppen mochte. Oder Tiere, vor allem nicht, wenn sie ihm bis über das Knie gingen.

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