(41) Als Rod unter allen Besitztümern auch seine Sammlung von Nazi-Artefakten erwähnte…

von Alain Fux

Als Rod unter allen Besitztümern auch seine Sammlung von Nazi-Artefakten erwähnte, war Cullen zuerst genauso wenig interessiert, wie an den Oldtimern. Als Rod aber hinzufügte, dass auch Original-Fotos dabei waren, hatte er Cullen am Haken.

Rod führte ihn in sein Arbeitszimmer und zog zuerst weiße Baumwollhandschuhe an. Dann legte er dem Fotografen nacheinander Abzüge vor, die er zuerst sorgfältig aus Umschlägen herauszog. Von einer Aufnahme war Cullen besonders fasziniert.

Sie zeigte Vater, Mutter und eine erwachsene Tochter in einem holzgetäfelten Büro. Alle drei Personen sahen schlafend aus, waren aber tot. Der Vater lag halb über dem Schreibtisch, die Mutter ihm gegenüber in einem Ledersessel und die Tochter an der gegenüberliegenden Wand halb dahingesunken auf einem großen Ledersofa. Eines der Fenster stand offen – es war nicht klar, ob wegen der Temperatur, des Gestanks oder vielleicht wegen anderer Gründe.

„Das ist Dr. Kurt Lisso, der Finanzchef von Leipzig“, erläuterte Rod.

Die Szene spielte in Lissos Arbeitszimmer im Rathaus. Der Stadtkämmerer war ein glühender Nazi gewesen. Als Leipzig den Alliierten in die Hände fiel, brachte er sich und seine Familie mit Zyankalikapseln um.

„Margaret Bourke-White war die Fotografin“, erklärte Rod weiter, „eine Fotoreporterin der US Army. Das Foto wurde wahrscheinlich am 19. April 1945 geschossen, am Tag nachdem Leipzig von der amerikanischen Armee erobert worden war. Die Tochter, Regina, war zwanzig Jahre alt und arbeitete als Krankenschwester beim Roten Kreuz. Sehen Sie, sie trägt noch die Haube und die Armbinde. Auf dem Schreibtisch, hier, sieht man ein Kästchen. Vermutlich waren darin die Zyankalikapseln enthalten. Auf dem Schreibtisch sind die Papiere der Familie säuberlich ausgelegt. Darunter auch Lissos Parteibuch. Sehr ordentliche Leute.“

„Es ist ein sehr verstörendes Foto“, sagte Cullen und konnte die Augen nicht davon abwenden. „Warum wissen Sie so viel darüber?“

Rod war zufrieden, dass er den Punkt getroffen hatte, an dem Cullen aufhörte, hochnäsig zu sein. „Ich komme von einem Bauernhof, aus einem kleinen Scheißkaff. Ich habe mein Geld hart verdient mit Software. Aber ich interessiere mich für viele andere Dinge. Besonders, wenn sie mir gehören“, antwortete Rod. „Ich habe das Foto vor einem Jahr als Los Nr. 89 für 9.949 Dollar ersteigert. Es ist heute mindestens das Doppelte wert. Und ich will das Foto auch in dem Buch drin haben, OK?“

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