(39) Chapman schlug die Augen auf und blickte in das gläserne Auge einer Spiegelreflexkamera.

von Alain Fux

Chapman schlug die Augen auf und blickte in das gläserne Auge einer Spiegelreflexkamera. Der Auslöser wurde mehrmals betätigt. „Sind Sie schon mal angegriffen worden?“, fragte Chapman, nachdem er sich geräuspert hatte. Er griff nach seiner Brille von der Ablage und sah Mike Cullen an, der jetzt die Kamera auf die Brust sinken ließ. „Bisher noch nie“, antwortete er. „Ich suche meine Gastgeber sehr sorgfältig aus.“ – „Sie glauben also, dass ich harmlos bin?“ – „Ich glaube, dass Sie vernünftig sind.“ Cullen drückte noch ein paar Mal ab. „Ich könnte Sie als Geisel nehmen.“ – „Genau das meine ich. Das wäre unvernünftig.“ Chapman stand auf und schlurfte auf nackten Füßen zu dem Stahlklo. „Kann ich pinkeln, ohne dass Sie mich dabei fotografieren?“ – „Klar“, Cullen setzte sich an den Tisch und schaute sich die letzten Bilder auf dem Display der Kamera an. Chapman war der 41. Häftling, mit dem er 24 Stunden verbrachte und dabei Fotos schoss. Noch ein halbes Dutzend mehr und er würde daraus einen Fotoband publizieren. Die Häftlinge waren normalerweise dankbar für die Abwechslung in ihrem öden Alltag. Manche fühlten sich wichtig dabei oder dachten, dass es vielleicht zu einer Wiederaufnahme ihres Verfahrens führen könnte. Manche Gefängnisse machten Schwierigkeiten, weil sie nicht verantwortlich sein wollten, falls Cullen etwas zustieße. Das war natürlich möglich, aber der Fotograf recherchierte vorher und sprach mit Psychologen. Er wollte nicht die Nacht alleine mit jemand verbringen, der plötzlich leisen Stimmen in seinem Kopf gehorchte.

Chapman kam zurück und setzte sich zu ihm. „Was machen denn die anderen so?“ Cullen fokussierte auf Chapmans Hände, die vor ihm auf dem Tisch lagen. „Unterschiedlich. Manche lesen viel, ein paar studieren. Andere machen Bodybuilding. Die meisten arbeiten im Gefängnis. Was machen Sie?“ – „Ich arbeite auch, zum Beispiel in der Bücherei. Ich habe nicht viel Kontakt zu anderen. Man hat Angst, jemand könnte mich umbringen. ‚I’m just sitting here doing time‘.“

Nach dem Frühstück wurde Cullen aufgeschlossen. Er verabschiedete sich von Chapman und versprach, ihm ein Exemplar des fertigen Buches zu schicken. Kurz darauf stand er draußen vor dem nachgeahmt-mittelalterlichen Turmaufbau des Hauptportals der Attica Correctional Facility. Wie immer schoss er das letzte Foto vom Eingang. Er kramte sein Mobiltelefon aus der Tasche und rief seine Sekretärin Marcella an, um herauszufinden, wo er jetzt hinmusste. Von anspruchsvollen Arbeiten, wie denen im Gefängnis, konnte er leider nicht leben.

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