(38) „Mr Lennon!“ John drehte sich um und sah Chapman rechts hinter ihm neben der schmiedeeisernen Pforte.

von Alain Fux

„Mr Lennon!“ John drehte sich um und sah Chapman rechts hinter ihm neben der schmiedeeisernen Pforte. Mit beiden Händen hielt er einen Revolver, der auf John gerichtet war. Vielleicht erkannte er im Bruchteil einer Sekunde, dass er Chapman an diesem Nachmittag ein Autogramm gegeben hatte. Auf das „Double Fantasy“-Album. Starting over. Watching the Wheels. Walking on Thin Ice.

Ein Schuss löste sich und John hörte im Innenhof ein Fenster klirren. Dann weitere Schüsse, die er nicht mehr zählte. Er schleppte sich die sechs Stufen hoch und stürzte. Die Kassetten, die er getragen hatte, flogen in alle Richtungen. In der Einfahrt stand Chapman immer noch in Schusspose, als sei er in Stein gemeißelt. José Perdomo, der Portier, schlug Chapman den Revolver aus der Hand. „Wissen Sie was Sie getan haben?“ Chapman nickte, gefasst: „Ja, ich habe John Lennon erschossen.“ Er hatte es geschafft. Er zog seinen Mantel aus, legte seinen Hut ab. Er wollte nicht von der Polizei erschossen werden, bloß weil man glaubte. er sei noch immer bewaffnet. Die Charter Arms .38 Special Undercover, die er vor eineinhalb Monaten für 169 Dollar in Honolulu gekauft hatte, lag für alle sichtbar auf den Pflastersteinen. Er setzte sich auf den Mantel. Perdomo stand neben ihm und hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt. Oben auf der Treppe sah er, wie ein Bediensteter Lennon den Oberkörper freigelegt hatte und wie das Blut daran herunterlief.

Chapman schaute hinaus zur Straße. Dort stand noch die weiße Limousine, mit der John und Yoko angekommen waren. Chapman musste zweimal hinsehen: daneben stand der Fahrer und winkte ihm zu. Er bedeutete ihm, rüber zu kommen. Perdomo war zur Treppe hinüber gegangen und schaute den erfolglosen Rettungsversuchen zu. Chapman erhob sich und ging mit vorsichtigen, aber schnellen Schritten zum Wagen. Der Fahrer hielt die rechte hintere Tür auf. Er stieg hinein, die Tür fiel zu. Der Fahrer lief um den Wagen herum, setzte sich hinter das Steuerrad und machte eine Kehrtwende Richtung Central Park. „Das war knapp, Mr Lennon“, sagte er. Chapman nickte. „Das hätte daneben gehen können. Es gibt so viele Verrückte auf der Welt.“ – „Ja, Mr Lennon“, bestätigte der Fahrer, wechselte die Spur und fuhr so schnell er konnte in die 73ste Straße in Richtung Westen.

„Wo kann ich Sie hinbringen, Mr Lennon?“, fragte der Fahrer. Chapman schaute den Broadway hinunter, den sie gerade überquerten. „Zu Tante Mimi“, flüsterte er. „Entschuldigung, das habe ich nicht verstanden“, sagte der Fahrer. „Nichts“, erwiderte Chapman. „Bringen Sie mich nach Attica, ich werde dort erwartet.“

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