(35) Es fühlte sich an, als ob Manfred Hucks Eingeweide einen Anlauf nahmen…

von Alain Fux

Es fühlte sich an, als ob Manfred Hucks Eingeweide einen Anlauf nahmen und dann gebündelt seinen Körper durch den Mund verlassen wollten. Es war aber nur sein Mageninhalt, den er über die Reling ins Meer spie. Die anderen Passagiere auf dem Schiff johlten, allerdings nicht wegen ihm, sondern weil ein riesiger Bartenwal achtern aus dem Meer auf- und wieder abtauchte. Als Manfred, kreidebleich, wieder in die Ferne schauen konnte, sah er nur noch von weitem den Rücken des Südkapers. Den besten Moment hatte er verpasst. Der Kapitän entschuldigte sich, dass es nicht mehr zu sehen gab an diesem Tag, morgen würde es bestimmt besser klappen.

Manfred setzte sich auf eine Bank und starrte auf den Horizont. Er war noch nie zuvor auf einem Schiff gewesen, daher die Seekrankheit. Am Tag zuvor hatte er sich mit seiner Ex-Frau getroffen. Die Klempnerei lief nicht gut und er bat sie, die Alimente vorübergehend kürzen zu dürfen. Sie lehnte ab, sie stritten sich, sie ließ ihn in dem Café sitzen. Danach wollte er in ein Kaufhaus gehen und sich neue Unterhosen kaufen. Dabei bemerkte er, dass er den Autoschlüssel im Auto stecken gelassen hatte. In diesem Moment kippte es in seinem Kopf: es war ihm alles egal. Er stand vor dem Schaufenster eines Reisebüros, darin ein Poster mit einem Walfisch vor Südafrika. Huck ging hinein, buchte für den gleichen Tag und flog im Blaumann nach Südafrika. Die anderen Passagiere hielten ihn wahrscheinlich für einen exzentrischen Künstler oder Modedesigner. Während er am Flughafen von Kapstadt auf den Bus nach Hermanus wartete, kaufte er sich ein T-Shirt und eine kurze Hose. Er zog sie gleich an, den Blaumann stopfte er in die Plastiktüte. Als er in Hermanus das Whale Watching-Boot bestieg, fühlte er sich gut. Er hatte ein Ziel gehabt und in weniger als 24 Stunden hatte er es umgesetzt.

Nachdem er alles ausgekotzt hatte, was in ihm steckte, fragte er sich, ob er das Richtige getan hatte. Der Rückflug war erst in 10 Tagen, eine Umbuchung wäre zu teuer. Er hatte wenig Spielraum auf seiner Kreditkarte und kannte niemanden in Südafrika. Zum Überfluss hatte er sein Auto mit dem teuren Werkzeug unverschlossen im Parkhaus stehen gelassen.

Als das Schiff wendete, um wieder in den Hafen von Hermanus zurück zu kehren, sah Huck wie die Sonne tief über dem glatten Meer stand und es in warme Farben tauchte. Er schloss die Augen und ließ sich von den Strahlen wärmen. Der Fahrtwind spielte in seinen Haaren und er spürte tief in sich ein Gefühl von Glück.

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