(33) Reichel fuhr in seinem Dienst-BMW durch die Nacht und war verstört.

von Alain Fux

Reichel fuhr in seinem Dienst-BMW durch die Nacht und war verstört. War auch er jetzt bei Borkenhagen in Ungnade gefallen? Würde er sein Wissen aus vielen Jahren als Verhandlungshebel einsetzen können? Was wäre, wenn es zu einer Gerichtsverhandlung käme? Es schien ihm, dass sowohl er als auch die Vorstände ein Interesse daran hatten, Stillschweigen zu bewahren. Andererseits war das Vertrauen verspielt. Er würde sich einen neuen Job suchen müssen. Er hätte mehr Material zur Seite schaffen müssen. Sollte er jetzt gleich deswegen nochmal ins Büro fahren?

Mittlerweile hatte er den Wagen in einem Parkhaus abgestellt und irrte ohne Ziel durch die Straßen. Wie lange würde er noch den Luxus eines BMWs genießen dürfen? Er musste sich erst beruhigen, bevor er nach Hause fahren konnte. Seine Frau würde ihm anmerken, dass etwas nicht stimmte und Reichel war noch nicht in der Lage mit ihr darüber zu reden.

Als er an einer Eisdiele vorbeikam, beschloss er, sich ein Eis zu kaufen. Dann bemerkte er, dass seine Brieftasche fehlte. Er musste sie im Club 13 vergessen haben. Mit einem Schlag wurde ihm heiß am Kopf, er begann zu schwitzen. Dann beruhigte er sich wieder. Er würde zurück fahren, schauen ob die Vorstände weg waren und dann noch einmal hineingehen. Er hatte keine andere Wahl.

Dann fiel ihm ein, dass er auch kein Geld hatte, das Parkhaus zu bezahlen. Kein Kleingeld im Auto. Zuerst nach Hause – keine gute Idee. Taxi warten lassen – schlecht, wenn die Vorstände noch da wären.

Dann bemerkte er einen Bettler, den er vorhin übersehen hatte. Saß auf einer dicken Nylontasche, dunkle Brille, Blindenbinde und davor ein Pappteller mit Münzen. Reichel verlangsamte den Schritt und schaute vom Teller zum Gesicht des Blinden und zurück. Zwei der Münzen würden reichen für das Parkhaus. Er schaute sich um. Der Bürgersteig war leer. Er ging auf den Bettler zu, blieb vor ihm stehen, bückte sich wie zum Spenden und tat so, als ob er stolperte. Dabei kippte er den Teller um, dessen Inhalt auf den Bürgersteig klirrte. Reichel tat erschrocken. Er entschuldigte sich, sammelte alle Münzen wieder ein und ließ sie bis auf zwei wieder auf den Teller plumpsen.

„Es fehlen zwei“, sagte der Blinde. „Nein“, entgegnete Reichel, „es ist eine mehr. Schönen Abend.“ – „Dieb! Dieb! Dieb! Er bestiehlt einen Blinden!“, schrie der Bettler lauthals. Reichel geriet in Panik, besonders als der Blinde sich erhob und anfing, mit dem Stock nach ihm zu schlagen. „Undankbarer Scheißkerl“, zischte er und lief davon. Weil er dachte, dass man ihn verfolgte, lief er erst zwei Blocks geradeaus, dann einen nach links und zurück zu der Hinterseite des Parkhauses. Er zahlte, holte sein Auto und fuhr, noch ganz atemlos, aus dem Parkhaus. Verstohlen bemerkte er, dass der Bettler nicht mehr da saß.

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