(31) Dieter Reichel starrte auf Niehaus‘ Personalakte…

von Alain Fux

Dieter Reichel starrte auf Niehaus‘ Personalakte, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Keine Anzeichen für Fehlverhalten. Jahresbeurteilungen immer einwandfrei. Gleicher Jahrgang wie er. Borkenhagen rächte sich. Es war unfair. Er musste es ausbaden. Spesenbetrug. Der Klassiker. Leicht gesagt. Er würde sich durch Berge von Spesenabrechnungen kämpfen müssen. Vielleicht erst einmal Praktikanten darauf ansetzen. Vielleicht findet sich auch so etwas. Unwahrscheinlich. Schmutzige Sache.

Es klopfte an der Tür. Reichel klappte die Akte zu und legte sie zur Seite. „Herein!“ Er erhob sich, begrüßte Niehaus und bot ihm einen Platz an. Beide setzten sich wieder. Reichel fühlte, dass Niehaus etwas ahnte. Ungewöhnlich war die Einladung ja gewesen. Kurzer Smalltalk, Reichel konnte es nicht anders. Jetzt aber los.

„Herr Niehaus, man hat mich gebeten, mit Ihnen die Aufhebung Ihres Arbeitsvertrags zu verhandeln.“ Jetzt war es raus, das Schlimmste hinter ihm. Kein Zurück, nur noch verhandeln. Reichel lehnte sich zurück.

Niehaus schien schockiert. Er fragte nach den Gründen. Reichel redete von strategischer Ausrichtung, Managemententscheidungen usw. „Und wenn ich nicht will?“ Reichel seufzte und erklärte die Sache mit den Spesen. Niehaus sackte zusammen. Das taten sie immer, denn sie hatten Angst vor einem Makel im Lebenslauf.

Hildemar Borkenhagen, der Sprecher des Bankenvorstands steckte hinter der Verschwörung. Aus Andeutungen hatte Reichel verstanden, dass Niehaus einem Vetter von Borkenhagen einen Firmenkredit gekündigt hatte. Als Borkenhagen es erfahren hatte, konnte er nicht mehr die Kreditkommission umstimmen, es wäre zu auffällig gewesen. Das Unternehmen seines Vetters musste Insolvenz anmelden, was, so Reichels Verständnis, schon länger fällig gewesen wäre, wenn Borkenhagen nicht die Hand darüber gehalten hätte. Warum Niehaus jetzt plötzlich konsequent handelte, verstand Reichel nicht.

„Es gibt keine andere Wahl“, bekräftigte Reichel. „Sie bekommen ein gutes Zeugnis und Zeit, eine neue Stelle zu suchen.“ Niehaus wollte darüber nachdenken. Reichel lehnte ab und schob den bereits von ihm unterzeichneten Aufhebungsvertrag in doppelter Ausführung über die Schreibtischplatte zu Niehaus hinüber. Nachdenken war nicht zielführend. Es führte nur zu Komplikationen und zu Schwierigkeiten für alle. „Wenn Sie vernünftig sind, unterschreiben Sie jetzt. Und Sie sind doch vernünftig, oder?“

Niehaus unterschrieb. Reichel gab ihm ein Original mit und reichte ihm die Hand. „Ich wünsche Ihnen alles Gute. Für Referenzen stehe ich gerne zur Verfügung.“ Niehaus ging grußlos hinaus.

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