(30) Ralph Niehaus öffnete die Datei mit dem neuesten Controllingbericht seiner Abteilung.

von Alain Fux

Ralph Niehaus öffnete die Datei mit dem neuesten Controllingbericht seiner Abteilung. Der Trend der letzten drei Jahre hatte sich fortgesetzt. Das Ergebnis, das er mit seinen Kunden für die Bank erwirtschaftete, war überdurchschnittlich gut, besonders unter Risikogesichtspunkten.

Das System passiven Widerstands, das er sich ausgedacht hatte, funktionierte nicht. Immer, wenn die objektiven Kriterien unklar waren und es einen Spielraum bei Kreditentscheidungen gab, hatte Niehaus konsequent gegen seine Intuition entschieden. Da seine Ergebnisse trotzdem exzellent waren, konnte nur heißen, dass seine Intuition als Banker falsch war.

Dabei hatte er sogar die Grauzone, in der er bewusst falsche Entscheidungen traf, immer weiter ausgedehnt. Er verstand es nicht. Kunden, bei denen er eine positive Prognose hatte und denen er deswegen Kredite ablehnte, gerieten ohne Vorwarnung in Schwierigkeiten. Andere Unternehmer, die er im Grunde für Windhunde hielt, entwickelten sich stetig und seriöse.

Zwei Tage später traf er sich mit Hagen Dietrich, einem Mitarbeiter aus der Risikoabteilung, der seit fünf Jahren sein Kundenportfolio überwachte. „Herr Niehaus, keiner unserer Betreuer kann seine Kunden auch nur annähernd so gut einschätzen wie Sie. Was ist Ihre Methode? Was können wir von Ihnen lernen?“ – „Wissen Sie“, entgegnete Niehaus, „das ist der reine Zufall. Wenn ich nicht sicher bin, würfele ich einfach.“ Dietrich lachte ihn aus und meinte, es schiene ihm, dass andere erfolglose Berater genau dies täten, aber doch Niehaus nicht. Wenn er so eine glückliche Hand habe, solle er es doch gleich im Kasino versuchen. Genau den gleichen Gedanken hatte auch Niehaus in der gleichen Sekunde. Nur war sein Gedanke von Bitterkeit getönt.

Am Ende des Treffens, bevor er die Tür öffnete, drehte sich Dietrich zu ihm um und sagte: „In der Bank ist ein Gerücht über sie im Umlauf. Ich hoffe, es stimmt nicht. Dennoch sage ich es Ihnen, weil ich es richtig finde, dass Sie davon Kenntnis haben. Der Vorstand soll planen, Sie zu feuern. Ich weiß nicht warum und verstehe es auch nicht. Mich hat man nicht gefragt. Vielleicht stimmt das Gerücht auch nicht. Ich drücke Ihnen die Daumen.“ Er schüttelte Niehaus die Hand und ging hinaus. Niehaus blieb zurück, wie vom Blitz getroffen.

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